Albert Schweitzer: Das Versagen der Philosophie

Eine Besonderheit an Albert Schweitzer ist wohl, dass zwar sein Name den meisten geläufig ist, dass einige noch wissen, dass er Arzt war und der eine oder die andere sich vielleicht erinnert, dass er den Friedensnobelpreis erhalten hat. Vor seinen philosophischen Arbeiten und Schriften wissen hingegen die wenigsten. Diese wurden auch durch die akademische Philosophie recht spärlich rezipiert, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass Schweitzer ein unzeitgemäßer und unkonventioneller Denker war, der sich nicht leicht einordnen lässt.


Auch Schweitzers eigenes Verhältnis zur Philosophie seiner Zeit war nicht gerade wohlwollend: Er warf ihr vor, versagt zu haben. Wenn die Philosophie aber versagen kann, so muss sie eine konkrete Aufgabe haben, an der sich ihr Erfolg oder Scheiten bemisst.

Die wesentliche Aufgabe der Philosophie sah Schweitzer darin, die Kultur einer Gesellschaft am Leben zu erhalten. Ohne Kultur, also die Pflege des geistigen Lebens des jeweils Einzelnen und der Gemeinschaft als Ganzes, verfallen nach und nach auf die Bedingungen, die hierfür notwendig sind. Die Folge ist die Kulturkrise, in der Schweitzer Europa schon im frühen 20. Jahrhundert sieht:
Der und die Einzelne wird nicht in der Entwicklung innerer Freiheit gefördert, ist nur noch als Arbeitskraft und Konsument wertvoll, verfällt überanstrengt und müde in passive Zerstreuung, verliert letztlich seine Humanität und im Umgang jede echte Menschlichkeit. Der Gesellschaft ohne eine aktive und lebendige Philosophie verliert ihren Kompass, ihre Fähigkeit, in Diskurs und Reflexion zu bestimmen, wohin sie steuern soll, an welchen Idealen von Mensch und Menschheit sie sich orientieren kann.
Ohne Richtung reagiert sie nur noch auf die Ereignisse, handelt nach der nächstliegenden Nützlichkeitserwägung und gerät in den Sog der Gegenwart, weil sie keine Visionen für die Zukunft mehr hat.
Es obliegt, so Schweitzer, der Philosophie, Menschenbild und Gesellschaftsentwürfe immer wieder denkend neu zu erwerben, statt das Althergebrachte nur zu wiederholen. Er wirft der Philosophie seiner Zeit vor, sich aus dieser Verantwortung gestohlen zu haben, nur die großen Denken der Vergangenheit zu lehren, statt in der Gegenwart das lebendige und konkrete Denken anzufachen. Sie sei zur bloßen „Geschichte der Philosophie“ verkommen, obwohl sie doch für die Zukunft streiten sollte.

Auf viele Fragen gibt Schweitzer bei seinem Vorwurf keine Antworten: Wer sollte sich angesprochen fühlen? Die Philosophie-Professoren an den Hochschulen? Die Intellektuellen und Kulturschaffenden? Die Gesellschaft als Ganzes, die ihre Philosophen gering achtet, und im Elfenbeinturm eingesperrt hat, wo die Eingeweihten unter sich bleiben und kaum ein Gedanke nach außen dringt?
Wie beurteilen wir Schweitzers These heute? Verstehen wir die Aufgabe der Philosophie wie Schweitzer es tat und kommen wir heute wieder oder noch immer zu dem Schluss, dass sie versagt hat?

Anmerkung: Die Textgrundlage für diesen Artikel ist eine Sammlung von Schweitzer’schen Schriften, erschienen unter

Grätzel, Stephan & Heil, Joachim (Hgg.): Texte zur Praktischen Philosophie. Albert Schweitzers Werkstatt in Lambarene. Philosophischer Nachlass der Jahre 1914-1964. Turnshare, London: 2010.

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