Mach was Du willst. Mach Deinen Willen.

Wer kennt dies nicht: Vor dem Fenster des Büros, des Seminarraums, des Klassenzimmers liegt ein herrlicher Tag ausgebreitet da, als warte er nur darauf, von uns genutzt zu werden. Wozu? Zu allem, wonach uns der Sinn steht. Man denkt etwa: Wenn ich hier endlich rauskomme, kann ich tun was ich will. Wenn man später hinaustritt, die äußeren Zwänge abgeschüttelt hat und sich frei fühlt, zu tun, was immer einem beliebt zu tun, wird man naheliegenderweise diese Freiheit kaum in Frage stellen, sondern den schönen Tag genießen. Kaum jemand wird zuerst auf die Idee kommen, sich Gedanken darüber zu machen, ob das Gefühl nicht vielleicht trügt, ob man denn tatsächlich frei sein, in seinem Tun. Keine äußere Macht hält mich davon ab, meiner Wege zu gehen, niemand fesselt mich mit Ketten oder Aufgaben – wieso also sollte ich nicht frei sein?

Vielleicht begegnet man anderntags den vielzitierten Ausspruch Schopenhauers, dass der Mensch zwar tun könne, was er wolle, nicht aber wollen kann was er will. Und dieser Satz macht stutzig. Wenn mein tun nicht durch die Wände von Verpflichtungen eingeschränkt wird, ist es frei. Wie aber kann mein Wollen eingeschränkt werden? Liegt der wahre Feind der Freiheit in uns selbst, im Verborgenen?

Zunächst ist klar: Ich tue, was ich will. Mein Handeln wird bestimmt durch den Willen, den ich darauf richte. Darin unterscheidet sich das Wollen vom bloßen Wünschen: Ich kann mir vieles wünschen, auf Reisen zu gehen etwa, aber erst wenn ich zu handeln beginne, ins Reisebüro gehe, Flüge buche meinen Rucksack packe, wird mein Wunsch zum Willen.

Wo aber kommt der Wille her? Er entsteht in mir durch meine Überlegungen und das Urteil, das ich darüber fälle. Ich kann darüber nachdenken, was mir wollenswert erscheint oder sehe etwas, das in mir einen Wunsch entstehen lässt. Ganz offensichtlich hat die Umwelt also durchaus einen starken Einfluss darauf, welcher Wille sich in uns bildet, denn sie führt uns erst die Möglichkeiten vor Auge, die sich unserem Willen bieten. Wenn also die Welt um uns so reich an Möglichkeiten ist, dass sie fast unerschöpflich scheinen, können wir daraus frei wählen, was wir wollen, wie in einem Supermarkt?

Das können wir nicht, denn der Wille entsteht nicht im luftleeren Raum, könnte man einwenden, sondern auf der Grundlage von Bedingungen, die sich dem eigenen Einfluss entziehen: Wir werden erzogen und sozialisiert, erhalten eine Prägung, derer wir uns kaum entledigen können. Man vermittelt uns Vorstellungen und Werte, derer wir uns schwer erwehren können, und die unser Wollen mitbestimmen. Hinzu kommt unsere eigene Geschichte, die Summe unserer Erfahrungen, die unsre Überlegungen anleiten.
Unser Wille, so scheint es, bewegt sich also in einer sehr schmalen Korridor, dessen, was wir wirklich wollen können. Kann man diesen Willen also noch guten Gewissens frei nennen, wenn er durch die verschiedensten Gegebenheiten bedingt ist?
Es gibt vielerlei Bedingungen für unser Überlegen und Urteilen also für unser Wollen und kaum jemand wird in der Lage sein, sich von alledem gänzlich frei zu machen, doch sind wir trotz allem zugegen, wenn wir urteilen, unseren Willen bilden. Wir können Abstand zu unserem Willen herstellen und ihn hinterfragen. Unser Urteil ist nichts, was uns zustößt wie ein Unfall, Willensbildung kein Prozess, der zwangsweise blind und automatisch abläuft. Wir können einen Willen kritisch betrachten, der uns fremd und unstimmig erscheint. Wir können uns die Frage stellen, ob ein Wunsch in unser Selbstbild hineinpasst und nicht zuletzt auch nach seinen Bedingungen fahnden.
Wir können uns mit einem Willen identifizieren oder feststellen, dass er und fremd erscheint, weil er nicht bewusst von uns selbst bestimmt ist, sondern etwa von unserer Erziehung, von einer Angst oder von Schuldgefühlen, die wir schon lange mit uns herumtragen. Wir können uns die Frage stellen: Will ich diesen Wunsch haben, will ich wirklich dieser Mensch sein?
Diese Fähigkeit zur Selbsterkenntnis gibt uns keine absolute Freiheit, hebt nicht alle Bedingungen unseres Denkens und Wollens auf, aber bedingungsloses Wollen hätte gleichfalls kein Subjekt mehr. Wenn meine Geschichte und meine Erfahrungen keinen Einfluss auf meinen Willen hätten, wessen Wille wäre es dann? Und wäre er dann nicht völlig willkürlich und streng genommen gar kein Wille mehr, sondern vielmehr ein Geschehen, dass sich auch von mir unabhängig ereignet?
Als Freiheit erlebbar wäre dies sicher nicht mehr.

Wenn die absolute und bedingungslose Freiheit also eine Schimäre ist, so bleibt das höchste denkbare Maß an Freiheit des Wollens, den eigenen Willen hinterfragen und folglich verändern zu können: Kann ich auch etwas anderes wollen? Ich kann.

nach Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens. Frankfurt a. M.: Fischer, 2007

3 Antworten auf „Mach was Du willst. Mach Deinen Willen.“

  1. gefällt mir, der text : )
    ich hab bei dem momentanen "Freiheitsbegriff" sowieso ein Problem (zb bei Harry Frankfurt, Tugendhat,..).
    Ich muss mich dann immer daran erinnern das "Ich mach was ich will" kein freier Wille ist sondern Willkür. Viele machen diese Unterscheidung nicht.
    Ich hoffe letztendlich auch das man was anderes wollen kann und somit den Willen als frei bezeichnen kann. Im schlechtesten Fall ist das auch alles deteriniert von Gesellschaft, Umwelt, etc.
    Hoffen kann man aber : )

  2. Hi, ich muss hier auch noch mal was reinschreiben…Dass die Frage nach dem Determinismus mit der Willensfreiheit eigentlich nicht zusammenhängt, zusammenhängen muss,
    zusammenhängen kann, sickert so langsam und auch immer wieder neu bei mir durch. Dafür war das Buch und auch dieser Artikel hilfreich.
    – Allerdings weiss ich noch nicht, wo ich diesen paradoxen "freien Willen" denn dann hinpacken soll- wo geht es denn weiter, wenn weder ein mechanischer Ablauf noch ein völlig unverstehbares Zufallsprinzip Antworten auf diese Frage geben kann?
    Ist die begriffliche Welt, in der sowas wie "Bewusstsein" und "Selbsterkenntnis" existiert, diese Zwischenwelt? Dass Begriffe einen "Sinn" machen, ist das ein Kriterium für Erkenntnis? Es sind doch "nur" Worte….nun ja…

  3. Beim Thema Willensfreiheit lohnt es sich immer wieder Schopenhauers erläuternde Ausführungen zu seinem Berühmten "man kann nicht wollen, was man will" zu lesen (mMn mit das Beste was zu diesem Thema in den letzen 150 Jahren geschrieben wurde)

    —-

    "Ich kann thun was ich will: ich kann, wenn ich will, Alles was ich habe den Armen geben und dadurch selbst einer werden, – wenn ich will! – Aber ich vermag nicht, es zu wollen; weil die entgegenstehenden Motive viel zu viel Gewalt über mich haben, als daß ich es könnte. Hingegen wenn ich einen andern Charakter hätte, und zwar in dem Maaße, daß ich ein Heiliger wäre, dann würde ich es wollen können; dann aber würde ich auch nicht umhin können, es zu wollen, würde es also thun müssen. – Dies Alles besteht vollkommen wohl mit dem „ich kann thun was ich will“ des Selbstbewußtseyns, worin noch heut zu Tage einige gedankenlose Philosophaster die Freiheit des Willens zu sehen vermeynen, und sie demnach als eine gegebene Thatsache des Bewußtseyns geltend machen."
    —–
    Wollen wir uns einen Menschen denken, der, etwan auf der Gasse stehend, zu sich sagte: „’Es ist 6 Uhr Abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spatziergang machen; oder ich kann in den Klub gehn; ich kann auch auf den Thurm steigen, die Sonne untergehn zu sehn; ich kann auch ins Theater gehn; ich kann auch diesen, oder aber jenen Freund besuchen; ja, ich kann auch zum Thor hinauslaufen, in die weite Welt, und nie wiederkommen. Das Alles steht allein bei mir, ich habe völlige Freiheit dazu; thue jedoch davon jetzt nichts, sondern gehe ebenso freiwillig nach Hause, zu meiner Frau.’ Das ist gerade so, als wenn das Wasser spräche: ‚Ich kann hohe Wellen schlagen’ (ja! nämlich im Meer und Sturm), ‚ich kann reißend hinabeilen’ (ja! nämlich im Bette des Stroms), ‚ich kann schäumend und sprudelnd hinunterstürzen’ (ja! nämlich im Wasserfall), ‚ich kann frei als Strahl in die Luft steigen’ (ja! nämlich im Springbrunnen), ‚ich kann endlich gar verkochen und verschwinden’ (ja! bei 80° Wärme); ‚thue jedoch von dem Allen jetzt nichts, sondern bleibe freiwillig, ruhig und klar im spiegelnden Teiche.’ Wie das Wasser jenes Alles nur dann kann, wann die bestimmenden Ursachen zum Einen oder zum Andern eintreten; ebenso kann jeder Mensch was er zu können wähnt, nicht anders, als unter der selben Bedingung. Bis die Ursachen eintreten, ist es ihm unmöglich: dann aber muß er es, so gut wie das Wasser, sobald es in die entsprechenden Umstände versetzt ist. […] Stellt er nun das Motiv zu einer jener als möglich proponirten Handlungen sich vor; so fühlt er sogleich dessen Wirkung auf seinen Willen, der dadurch sollicitirt wird: dies heißt, in der Kunstsprache, eine Velleitas. Nun meint er aber, er könne diese auch zu einer Voluntas erheben, d.h. die proponirte Handlung ausführen: allein dies ist Täuschung. Denn alsbald würde die Besonnenheit eintreten und die nach andern Seiten ziehenden, oder die entgegenstehenden Motive ihm in Erinnerung bringen: worauf er sehen würde, daß es nicht zur That kommt. Bei einem solchen successiven Vorstellen verschiedener einander ausschließender Motive, unter steter Begleitung des innern ‚ich kann thun was ich will’, dreht sich gleichsam der Wille, wie eine Wetterfahne auf wohlgeschmierter Angel und bei unstätem Winde, sofort nach jedem Motiv hin, welches die Einbildungskraft ihm vorhält, […] Denn sein ‚ich kann dies wollen’ ist in Wahrheit hypothetisch und führt den Beisatz mit sich ‚wenn ich nicht lieber jenes Andere wollte’: der hebt aber jenes Wollenkönnen auf. – Kehren wir zu jenem aufgestellten, um 6 Uhr deliberirenden Menschen zurück und denken uns, er bemerke jetzt, daß ich hinter ihm stehe, über ihn philosophire und seine Freiheit zu allen jenen ihm möglichen Handlungen abstreite; so könnte es leicht geschehen, daß er, um mich zu widerlegen, eine davon ausführte: dann wäre aber gerade mein Leugnen und dessen Wirkung auf seinen Widerspruchsgeist das ihn dazu nöthigende Motiv gewesen. Jedoch würde dasselbe ihn nur zu einer oder der andern von den leichteren unter den oben angeführten Handlungen bewegen können, z.B. ins Theater zu gehen; aber keineswegs zur zuletzt genannten, nämlich in die weite Welt zu laufen: dazu wäre dies Motiv viel zu schwach. – Ebenso irrig meint Mancher, indem er ein geladenes Pistol in der Hand hält, er könne sich damit erschießen. Dazu ist das Wenigste jenes mechanische Ausführungsmittel, die Hauptsache aber ein überaus starkes und daher seltenes Motiv, welches die ungeheuere Kraft hat, die nöthig ist, um die Lust zum Leben, oder richtiger die Furcht vor dem Tode, zu überwiegen: erst nachdem ein solches eingetreten, kann er sich wirklich erschießen, und muß es; es sei denn, daß ein noch stärkeres Gegenmotiv, wenn überhaupt ein solches möglich ist, die That verhindere."

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