Sokrates damals. Wir heute. Das Urteil gegen die Philosophie.

In der Apologia Sokratous wird uns vom Todesurteil gegen Sokrates berichtet. Weil er umherzog und den Menschen zeigte, dass sie entgegen ihrer eigenen Behauptung nicht weise waren, erlag er am Ende der üblen Nachrede und Verleumdungen, die zu seinem Todesurteil führten. Aufrecht weigerte er sich im Dialog Kriton aus seiner Zelle zu fliehen und verbrachte seine letzten Stunden im Kreise seiner Freunde und Gefährten bevor er den Schierlingsbecher trinken musste, wie wir aus dem Dialog Phaidon erfahren. Dies geschah im Jahr 399 vor Christus.

Heute, in einer Zeit, in der an Universitäten Fächer wie Philosophie als Balastfächer deklariert werden, sehen sich die Philosophen und Philosophieverständigen erneut einer Anklage gegenüber. Nicht wie Sokrates wirft man Ihnen Gottlosigkeit und das Verderben der Jugend vor, vielmehr lautet die Anklage auf die Nutzlosigkeit der Philosophie. Ähnlich wie 399 vor Christus richten größtenteils Menschen über das Schicksal der Philosophie, die keine Kenntnis der Philosophie haben und käme Sokrates zu ihnen, wie er einst zu den Handwerkern ging, und würde ihnen zu verstehen geben, dass nur, weil sie ihr Handwerk brilliant beherrschten, nicht auch andere Dinge brillant beherrschen würden, sie würden ihm, ebenso wie die Handwerker damals, nicht glauben. Wie die Handwerker im alten Griechenland scheinen die Menschen auch heute, wenn sie ihr Handwerk gründlich erlernt haben und es zu einigen Ruhm gebracht haben, sich auch auf allen anderen Gebieten für weise zu halten. Würden sie sich doch nur mit der Philosophie beschäftigen, um es hier wirklich zu einiger Weisheit zu bringen, auf das sie wüssten, worüber sie richten!

Die Zukunft scheint absehbar, es fast so als höre man das Urteil des unverständigen Gerichtes, dass nicht lernen und verstehen will, wie einst in der Apologia Sokratous. Vielleicht wird den Professoren, Mitarbeitern und Studenten an den Universitäten bald nichts anderes übrig bleiben, als die Vollstreckung des Urteils abzuwarten, wie damals Sokrates im Dialog Kriton. Und hoffentlich werden sie das Urteil im Kreise Gleichgesinnter aufrecht ertragen, wie Sokrates im Dialog Phaidon, wenn das philosophische Institut der Universität geschlossen wird.

Platon: Apologia Sokratous, Kriton, Phaidon.

5 Antworten auf „Sokrates damals. Wir heute. Das Urteil gegen die Philosophie.“

  1. Ein guter Text. Sokrates mit der heutigen Diskussion um den Nutzen der Philosophie zu verknüpfen finde ich eine wirklich starke Idee.
    Eine kleine Polemik möchte ich noch dem Text hinzufügen, so sprechen wie mir scheint heute eher die Leute/Handwerker/Politiker von der Philosophie, die noch nicht mal ihr Handwerk verstehen.
    Es ist eigentlich Schade, dass sich die Philosophie in jeder Zeit Angriffen ausgesetzt ist, vergessen doch die Menschen, welchen unbezahlbaren Nutzen die Philosophie hat.
    Welcher Politiker wäre denn ein solcher ohne Roussault oder Kant, wäre die Revolution wirklich so verlaufen, in Richtung Demokratie?
    So sollte nicht der Nutzen/Sinn der Philosophie angezweifelt werden, sondern ihr Denkmäler gesetzt werden! Wie kann es denn angehen, dass sich mach ein Politiker für ein Kantdenkmal einsetzt und eine Woche später von der Nutzlosigkeit der Philosophie spricht.
    Das ist Kulturvergewaltigung, missbraucht zu Zwecken, deren Nutzen so unlauter ist wie die Politik als solche.
    Philosophie ist nicht nicht zu denken! Ein jeder Politiker da draußen aber sehr wohl!

  2. Ich glaube, das Problem der Legitimität, dem sich die Philosophie heute und in unserer Gesellschaft gegenüber sieht ist ganz anders gelagert, als es zu Sokrates Zeiten war:

    Heute setzt man m. E. Eine Ebene zu niedrig an, wenn man fragt, inwiefern es sich lohnt z.B. die Philosophie, aber auch andere Geisteswissenschaften "durchzufüttern". Der Gedanke, der hinter dieser Frage steht ist der der Effizienz. Nun, nein: Die Philosophie dient nur in geringem Maße dazu, schneller und billiger Halbleiter herzustellen, das ist richtig. Aber durch einen derartigen Zweck wäre die akademische Philosophie gar nicht zu legitimieren (auch nicht durch ein weniger absurdes Beispiel). Man kann keinem Philosophen einen Mann von McKinsey zur Seite stellen, der mit ernster Miene fragt: Wie oft machen Sie das am Tag und wie lange brauchen sie dafür? (Man sehe mir die Polemik bitte nach). Der Nutzen der Philosophie ist, einfach gesagt, mit den Maßstäben, die heute angelegt werden, nicht zu messen und meine kühne These ist, dass dies auch gar nicht notwendig ist.

    Es ist ebenso wenig notwendig eine Familie zu führen wie ein Unternehmen.

    Das Problem liegt darin begründet, dass dieses Gedankengut, das aus der Marktwirtschaft kommt, in alle Bereiche des Lebens übertragen wird: Wenn man eine Firma führen will, muss man geschäftsfähig bleiben, mit anderen konkurrieren, Preise drücken, Produkte entwickeln usw.
    Gut. Muss eine Familie das auch? Eine Marke etablieren? Konkurrenten ausstechen? Der Vergleich mag in gewisser Hinsicht zulässig sein, doch er hat seine Grenzen, er hinkt.
    Die Funktion einer Familie ist nur zu einem Teil und vielen ökonomisch. Eine Familie ist u.a. eine Gemeinschaft von Menschen, die zusammen haushalten. Na gut, aber darin erschöpft sie sich nicht.
    Es gibt keine Ökonomie der Solidarität in der Familie und die Auswirkungen einer intakten Familie sind nur indirekt (und im Grunde nur in Störfällen) statstisch messbar.

    Wozu dieses Beispiel?

    Weil es noch eindeutiger ist: Der Zweck und die Funktionsweise einer Familie entspricht nicht den Kriterien der Ökonomie. Zweck und Sinn der Philosophie (und vieler anderer Wissenschaften) ist genausowenig mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu verstehen. Es mag messbar sein, wie stark sich die Arbeit von Philosophen auf das BIP auswirkt, aber damit greift man an ihrem eigentlichen Gehalt vorbei.
    Es wundert mich, wie wenig die Menschen, insbesondere Entscheidungsträger, sich noch vorstellen können, dass etwas nicht die ökonomischen Gesetze als oberstes Gebot annimmt. Es ist unter Soziologen unumstritten, dass quantitative, also (grob gesagt) in Zahlen erfasste und erfassbare, Erhebungen klare Grenzen haben. Nur ausgesprochene Zyniker glauben, dass man einen Menschen mit genügend Zahlen abbilden könnte. Alles, was darüber hinausgeht fällt in einer Zahlenwelt weg.

    Das ist nicht weiter schlimm, wenn man nur wissen will, wer oder was gewählt und wieviel Geld im Schnitt verdient wird usw. – aber man kennt einen Menschen auf diese Weise nicht und genausowenig versteht man nur auf der Grundlage von Zahlen eine Gesellschaft und eben auch nicht die Philosophie oder eine Familie.

    Die Wahnvorstellung der absoluten Messbarkeit und der Allgemeingültigkeit der ökonomischen Gesetze verstellt den Blick auf eine einfache Tatsache:
    "Der Staat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Staat." (Einstein)

    Mir ist durchaus bewusst, dass besagter Staat ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten hat und es gilt, höchst ökonomisch mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen – doch ist für mich die Möglichkeit, Philosophie zu studieren kein Luxus, auf den ich verzichten könnte; ich bin da sicher nicht der einzige aber noch viel nötiger hat die Gesellschaft als Ganzes die Philosophie und die Philosophen, wie sie zu beweisen nicht müde wird.

  3. zu soeren: Das Zitat hat mich doch sehr zum schmunzeln gebracht, mehr muss wohl kaum gesagt werden.

    zu Tom: natürlich ist das Problem anders gelagert als zu Sokrates Zeiten, deswegen steht im Vergleich ja auch: "Nicht wie Sokrates wirft man Ihnen Gottlosigkeit und das Verderben der Jugend vor, vielmehr lautet die Anklage auf die Nutzlosigkeit der Philosophie."

    Nirgendwo betont der obige Vergleich eine vermeintliche Gleichförmigkeit des Problems, oder?

  4. Hmm… nunja,
    ich könnte jetzt das Effizienzdenken zum Götzendienst stilisieren und mich mit dem schönen Bild echauffieren, dass die Philosophie auf dem Altar der…
    (Eitelkeit Stufe I)
    … oder es so verstanden wissen wollen, dass die Philosophen heute auch nichts anderes tun, als selbstgerechte Denkarten aus ihrer Absolutheit zu lösen und ihre eigene Begrenztheit gerade in ihrem Angriff auf die Philosophie zu spiegeln, allerdings auf einer anderen Ebene und zwar…
    (Eitelkeit Stufe II)
    … oder einfach zugeben, dass dieser Satz völlig überflüssig war, weil du in der Tat die Situation damals und heute klar differenziert hast und ich einfach ein wenig drüber hinweg gelesen habe bzw. gedanklich schon in der Argumentation war, als ich den Kommentar angefangen habe.
    Verzeih.

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