Verständnis und Verstehen, hier im zwischenmenschlichen und nicht philosophischen Sinne gemeint, scheint allgemein ein erstrebenswertes Gut zu sein. Um einen Konflikt mit den Seinen zu beseitigen ist es zumeist notwendig, ihre Position nachzuvollziehen, herauszufinden wie es dazu kommen konnte, dass man etwa eine Situation oder Geste völlig unterschiedlich gedeutet und ausgelegt hat. Verständnisvoll zu sein ist wohl unumstritten eine positive Eigenschaft.

So einhellig die Meinung zu diesem Thema ist, so überraschend und sonderbar scheint der folgende Aphorismus von Arthur Schnitzler:

«Bewahre uns der Himmel vor dem Verstehen. Es nimmt unserem Zorn die Kraft, unserem Haß die Würde, unserer Rache die Lust und noch unserer Erinnerung die Seligkeit.»

Wer Schnitzler ein wenig kennt, weiß, dass er kein Derwisch und Wüterich war, dem Zorn, Haß und das Bedürfnis nach Rache lieb und teuer waren. Wie kommt er also zu einem solchen Ausspruch?

Ich denke, dass er um die Integrität des Individuums besorgt war, als er diese Worte schrieb.
Sicher würde Schnitzler nicht wollen, dass jemand sie sich unkritisch zu Herzen nimmt und sich für immer seinem Groll hingibt. Aber wer Wut und Zorn ganz aus sich verbannen will, wer diesen Gefühlen, die ebenso zutiefst menschlich sind wie Liebe und Nachsicht, jedes Existenzrecht nimmt, tut sich selbst die Gewalt an, die er den anderen erspart.

Mit welchem Recht setzen wir in die Mitte des Spektrums der menschlichen Gefühle einen Punkt und nennen die eine Hälfte schlecht und die andere gut? Wäre es nicht in der Tat gesünder, auch den weniger beliebten, weil weniger angenehmen Gefühlen, ihr Recht und ihren Raum zu lassen, statt die Konvention derart zu verinnerlichen, dass man kaum noch ohne schlechtes Gewissen zornig sein kann?

Schnitzler, Arthur: Beziehungen und Einsamkeit. Aphorismen ausgewählt von Clemens Eich. FfM: Fischer, 1987

5 Antworten auf „“

  1. Ist vielleicht ein naheliegender Schluss, aber unter den Aphorismen finden sich unzählige, die das "Verstehen" sehr kritisch beleuchten, daher gehe ich davon aus, dass dieser vielleicht ein wenig überspitzt ist, aber wohl nicht ironisch zu verstehen.

  2. Sorry, dass ich mich kurz einschalte, aber ich bin mir sicher dieses Zitat kann überhaupt nur in Zusammenhang mit einer Mann – Frau Auseinandersetzung gefallen sein.

    Der gekränkte Mann erhebt sich über die Weiblichkeit… ca. in diesem Sinne

  3. @ Alex: Zum einen ist Dunkelraum durchaus so gedacht, dass jeder seine Meinung und seine Gedanken betragen kann, darf und soll. Eine Entschuldigung ist also keinesfalls nötig…

    Zum anderen frage ich mich, wieso du so sicher bist, dass das Verstehen ein Gender- oder Liebesbeziehungproblem ist. Könnte eine solche Situation nicht genausogut zwischen zwei (männlichen oder weiblichen) Freunden entstehen?

    M. E. thematisiert Schnitzler hier eine zu kurz gefasste Vorstellung von Empathie: Das Verständnis, das ich dem anderen scheinbar schuldig bin, bin ich mir in gleichem Maße selbst schuldig. Wer sich selbst dabei vergisst, hat das Gefühl, dass seine Wut und sein Ärger illegitim sind.
    In eine solche Situation können sich Männer und Frauen gleichermaßen bringen.

    Zudem klingt für mich darin kein "Erheben über" mit, denn der so "gekränkte" Mensch, tut sich das selbt an. Der Konflikt besteht nicht tatsächlich zwischen zwei Menschen sondern zwischen dem Individuum und der gesellschaftlichen Vorstellung von einer "Pflicht zur halben Empathie" – nämlich nur zu derjenigen Hälfte, die die Anderen betrifft.

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