Man muss nicht unbedingt die Ebene der Gegenstände, auf die man zeigen kann, verlassen, um festzustellen, dass unsere Sprache nur scheinbar dazu geeignet ist, sich dem Gegenüber verständlich zu machen. Was wir sagen und was wir tatsächlich meinen stimmt nie ganz überein, ganz zu schweigen von der Vorstellung, die sich das Gegenüber davon macht.

Wenn ich etwa den Begriff „Tisch“ verwende, wird jeder eine Vorstellung davon haben, was ich meine. Diese Vorstellungen werden sehr unterschiedlich und individuell sein, doch wird es einen gemeinsamen Nenner geben, der sie alle eint: Die Funktion und damit verbunden eine gewisse Typik der Erscheinung. Heißt das aber, dass der Begriff grundsätzlich für alle nachvollziehbar ist?

Wenn ich bei einem Picknick Teller und Gläser auf einen Baumstumpf stelle, wird niemand protestieren, wenn ich ihn danach als Tisch bezeichne. Gehe ich bei einem Waldspaziergang am selben Baumstumpf vorbei werde ich ungläubigere Blicke ernten, wenn ich „Sieh mal, ein Tisch!“ sage. Ich habe den Gegenstand nach einer seiner möglichen Funktionen benannt, die mir dazu einfiel, die der andere jedoch nicht zwangsläufig assoziieren muss.
Bei einer Holzplatte, die waagrecht auf vier Beinen ruht und von Stühlen umgeben ist, werden weniger Menschen Probleme haben, meine Zuschreibung nachzuvollziehen, weil das Gebilde näher an den Durchschnitt der gängigen Tischvorstellungen herankommt.

Wenn es aber nicht einmal so etwas wie eine für alle gültige Norm gibt, wie ein Tisch auszusehen hat oder was noch als Tisch zu werten ist, wie kann ich dann erwarten, dass abstraktere Vorstellungen und Ideen so auszudrücken sind, dass mein Gesprächspartner sie ebenso auffasst, wie ich es tue?
Ähnlich wie bei der Vorstellung eines Tisches ist auch die Prägung anderer Begriffe in höchstem Maße individuell und von der eigenen Erfahrung abhängig: Es wird vielleicht eine gewisse Übereinkunft herzustellen sein, wenn man über das Lächeln der Mona Lisa oder den Sommer in Südfrankreich spricht, aber die Erfahrung wird dennoch nie die selbe sein, weil zwei Menschen das selbe nie gleich erleben. Der Begriff kann auf dieser Ebene schon sehr unterschiedliche Bedeutungen haben oder gar gegensätzliche Assoziationen auslösen.

Begibt man sich auf die Ebene des nicht unmittelbar sinnlich Erfahrbaren, des Abstrakten, tut man erst recht gut daran, sich zu vergewissern, dass man zumindest etwas Ähnliches unter Begriffen wie „Freiheit“ oder „Würde“, „Treue“ oder „Sinn“ versteht. Wir benutzen diese Worte gemäß unserer eigenen Vorstellung davon, entsprechend der Erfahrung, die wir damit haben und assoziieren. Unser Gegenüber kann jedoch unmöglich das gleiche meinen, den Begriff also identisch geprägt haben und verwenden.

Wir benutzen die Sprache gemeinhin als ein System, das allen bekannt und geläufig ist, verwenden Worte als Begriffe, die unser gegenüber so versteht, wie wir sie einsetzen. Beides ist aber bei genauerer Betrachtung schlichtweg falsch. Die tatsächliche Kommunikation, der eigentliche Austausch also, findet jenseits der Worte statt: Dort, wo man aushandelt, was welches Symbol bedeutet, wo man Unterschiede und Gemeinsamkeiten nachspürt, wo man sich bewusst macht, was dem anderen ein Tisch ist, was ihm oder ihr das Lächeln der Mona Lisa bedeutet oder was seiner oder ihrer Erfahrung und Deutung nach „Sinn“ bedeutet.

4 Antworten auf „“

  1. Guter Artikel.
    Aber wie schafft man es, mit Menschen zu kommunizieren, die sich schlicht weigern oder nicht dazu in der Lage sind, anzuerkennen, dass erstens diese Unzulänglichkeit der Sprache vorhanden ist und man dennoch, zweitens, geradezu darum kämpfen m u s s, diese Unzulänglichkeit zu überwinden (auch wenn man weiß, dass man es nicht schafft)?
    Oder anders gefragt: wie geht man damit um, wenn jemand sich der Philosophie/philosophischen Gedanken versperrt und damit das Ideal des nach Erkenntnis und Verstehen strebenden Menschen Lügen straft?

  2. Unter den Dunkelraumlesern und -machern wird wohl Konsens darüber herrschen, dass dies ein interessantes Problem ist, dem man sich kaum mehr verschließen kann, wenn man erstmal darüber gestolpert ist…
    Aber das bedeutet noch nicht, dass es jedem so ergehen muss. Wem die Fragestellung fremd ist, wird es zunächst sonderbar erscheinen, etwas so selbstverstänliches in Frage zu stellen (zu allem Überfluss auch noch, indem man sich des kritisierten Mediums bedient) – und darauf mit Neugier oder eben Abwehr reagieren. Eine philosophisch interessierte Grundhaltung wird man in die Menschen nicht hineinprügeln können (zumal das wohl in ethischer Hinsicht problematisch wäre), Neugier allerdings kann man bei einigen wecken, wenn man selbst mit Begeisterung bei der Sache ist.
    Dass sich trotz allem viele dagegen verschließen, ist mitunter frustrierend, Lügen strafen sie dieses Ideal hingegen in meinen Augen nicht. Chrisitan Morgenstern schreibt, dass es kaum eine größere Enttauschung im Leben gäbe, als mit einer recht großen Begeisterung im Herzen zu gleichgültigen Menschen zu kommen. Das trifft es m.E. eher… Nicht-Philosophen und Erkenntnis-Verweigerer mögen den Sinn der Beschäftigung mit philosophischen Fragen anzweifeln, aber das bedeutet nicht viel mehr, als dass ihnen eine Dimension der Welt und des Menschseins unzugänglich ist. Das ist oft bedauerlich und kann verunsichern, heißt aber nicht, dass sie Recht hätten.
    Wäre dem so, würden nicht so viele Menschen in Krisenzeiten und wenn ihre einfachen Antworten nicht mehr ausreichen, auf eben jene Fragen zurückkommen, die ihnen zuvor nutzlos erschienen waren.

  3. Was Du beschreibst, scheint mir schlichtweg der Dekonstruktivismus zu sein, mitbegründet von Derrida. Und dieses "Problem" kann man, denke ich auf alle Bereiche des Lebens übertragen, was du ja auch schon angesprochen hast. Auch als der Dekonstruktivismus noch etwas Neues war, haben sich die meisten gegen ihn versperrt. Dabei ist, so denke ich, das Natürlichste, was es gibt. Denn jeder hat eigene Gedanken, eine andere Wahrnehmung der Dinge, eigene Wertvorstellungen. Wie sollte es dann so etwas wie einen universal gültigen Schlüssel für beispielsweise interpretatorische Ansätz geben. Alles ist verschieden und das ist auch gut. Das Problem dieser Verschiedenheit kann natürlich ein Problem in der Kommunikation geben. Aber wie du schon sagtest gibt es oft, sind die Vorstellungen auch noch so verschieden, oft ein gemeinsames Drittes (t.c.), was unterstützend in die Kommunikation eingreift und uns auf eine (wenn auch sehr wackelige und brüchige) Ebene bringt.

  4. Ein Begriff scheint eine einheitsstiftende Funktion zu sein. Diese Funktion ordnet Anschauung ohne selbst Anschauung zu sein. Interessant wird dies bei Begriffen wie "Begriff", denn dieser Begriff ordnet einheitsstiftende Funktionen und bezieht sich so nur in entfernter Hinsicht auf Anschauungen.

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