Was ist der Mensch?

Die Frage, was der Mensch sei, ist wohl eins der zentralsten Probleme, welche die Philosophie kennt – und das nicht etwa, weil es einfach ein herrlich umfassendes und schwer zu greifendes Thema ist, sondern weil die jeweilige Antwort zu allen Zeiten höchsten Einfluss auf Individuen und Gesellschaften hatte und nach wie vor hat.

In der christlichen Vorstellung ist der Mensch das Ebenbild Gottes und so kommt ihm in der Welt eine Sonderstellung zu – er wurde geschaffen, um über die Erde und alle anderen Wesen zu herrschen. Daraus erwächst ein gewaltiges Selbstbewusstsein der Spezies als Ganzes, eine metaphysische Legitimation der Kolonisierung und Ausbeutung der Erde, sowie der Unterwerfung des Tierreichs mit den bekannten – und, wie wir heute wissen, katastrophalen – Folgen.

Als Charles Darwin 1859 »Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« veröffentlichte, vollzog sich damit das, was heute als biologische Kränkung bezeichnet wird: Seine, in diesem Werk vorgestellte Evolutionstheorie stellte die Sonderstellung des Menschen, wie sie im christlichen Weltbild selbstverständlich war, in Frage: Nachdem Kopernikus bereits festgestellt hatte, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Kosmos‘ ist (Was heute als kosmologische Kränkung bekannt ist) stellte sich nun der Mensch plötzlich nicht als etwas unvergleichliches und besonderes dar, sondern lediglich als ein hochentwickeltes Tier.

Diese Erschütterung des Menschenbildes hat seither größten Einfluss auf alle gesellschafts- und geistesgeschichtlichen Bereiche: Die schrecklichste Auswirkung war fraglos die Rassentheorie, auf welche die Nationalsozialisten ihre Ideologie der überlegenen Rasse gründeten und daraus das Recht ableiteten, „unterlegene“ Völker zu unterwerfen und zu vernichten.
Aber auch jenseits des Faschismus und im heutigen Verständnis des Menschen hat Darwins Forschung noch grundlegenden Einfluss: Von neurowissenschaftlichen Bemühungen, den Menschen als komplexe Maschine zu verstehen, bis in die pseudowissenschaftliche Erklärung von Geschlechterrollen und -stereotypen mit prähistorischen Notwendigkeiten (Männer waren Jäger und brauchen daher weder GPS noch soziale Kompetenz – Frauen mussten in der Höhle für Harmonie sorgen und finden daher in Gesprächen kein Ende und im Supermarkt nur mit größten Schwierigkeiten den Ausgang) – Die Grundannahme ist stets, dass der Mensch ein Tier mit einem genetischen Programm, mit Instinkten und Trieben ist, wie jedes andere Tier auch.

Diese Vorstellung ist jedoch nicht ohne Probleme und bleibt unstrittige Antworten schuldig: Wie etwa ist Freiheit möglich, wenn wir es beim Menschen nur mit komplexen Instinktmustern zu tun haben – wie kann Verantwortung und Selbstbestimmung möglich sein, wenn es keine solche Freiheit gibt? Wie kann man ohne Verantwortung und Selbstbestimmung unser Strafrecht oder die Demokratie begründen?
Sollte die Vorstellung der Sonderstellung, der Besonderheit des Menschen, nur ein Relikt aus christlich-homozentrischen Tagen sein, eine trotzige Verdrängung und Leugnung der Wissenschaftlichen Tatsachen, die Darwin vor fast 150 Jahren vorgelegt hat?

Der Philosoph Max Scheler formuliert in seinem Spätwerk »Die Stellung des Menschen im Kosmos« (1929) Einwände gegen diese Vorstellung: Der Mensch, so Scheler, besitzt etwas, das qualitativ etwas anderes ist, als bloße Intelligenz, die auch bei Tieren zu beobachten ist: Er ist in der Lage, seine tatsächliche Umwelt zu abstrahieren und sich von ihr und ihrer zwingenden Unmittelbarkeit zu befreien. Er besitzt, wie das Tier auch, Instinkte und Triebe – doch ist er in der Lage, diese selbst zum Gegenstand seiner Betrachtungen und Überlegungen zu machen. Ein Tier etwa fühlt Hunger als etwas, das über es hereinbricht wie Regen – ein Mensch spürt und weiß: Ich habe Hunger, es ist mein Instinkt, etwas zu essen – und ich kann ihm folgen oder es nicht tun. Dieses „Nicht“ ist ein zentrales Motiv in Schelers Analyse: Der Mensch ist das Wesen, das zur Realität, zu seiner Umwelt und den Regungen des Lebens auch „Nein“ sagen kann. Er fühlt, wie jedes andere Wesen die Regungen des (tierischen) Lebens, ist aber nicht darauf festgelegt, der Kausalität von Reiz, Instinkt und Reaktion zu folgen – er kann sich verweigern und ist, wie Scheler es ausdrückt, weltoffen.
Diese Fähigkeit oder Möglichkeit des Menschen heißt bei Scheler »Geist«.

Die, hier nur sehr knapp angerissene Vorstellung Schelers wurde vielfach kritisiert und betrachtet man die heute vorherrschenden Diskurse und Vorstellungen, mag es scheinen, als sei sie längst in Vergessenheit geraten. Doch liegen Forschung und soziale Praxis, Erleben und allgemeine angenommenes Verständnis heute weiter auseinander als je zuvor – und womöglich wird es eine Rückkehr zu jener Brücke, die Scheler Geist nennt, über diese Kluft geben.

Die Notwendigkeit, sich diesen Fragen bewusst zu machen und zu stellen, könnte kaum brisanter sein: Sind wir Tiere oder verfügen wir über ein einzigartiges Talent? Tragen wir die Verantwortung für unser Handeln oder folgen wir so unweigerlich unseren Trieben und Instinkten wie ein Stein zu Boden fällt, wenn er losgelassen wird? Und wenn es Geist und Freiheit gibt – woher kam diese Fähigkeit?

Ein Menschenbild und somit eine Antwort auf diese Fragen benutzen wir jeden Tag – aber wissen wir auch, welches und warum?

19 Antworten auf „Was ist der Mensch?“

  1. Warum sollten wir Instinkte haben ODER denken können?

    Meiner Meinung gibt es Menschen, die mehr denken können und solche, die weniger denken können. Das ist aber nicht als klare Grenze zu sehen, sondern als fliessender Übergang. Manche benutzen ihr denken, um zu "überleben", manche benutzen’s zum die Welt verstehen und manche benutzen’s, um zu verstehen, warum manche die Welt verstehen wollen.

  2. Ein "Nein" zu einem Mittagessen, ist ein "Ja" zu einer besseren Figur, ein "Ja" interessanterer Partner zu sein, ein "Ja" zur Fortpflanzung.
    Das Beispiel mag flach sein, soll aber fragen, ist ein "Nein" nicht auch ein "Ja" zu einem anderen Motiv und damit gar nicht so frei wie es scheint und endet doch in irgendeinem Trieb?
    Auch das ist wiederrum nur eine Frage, ob Philosophie allein diese Fragen beantworten kann, ohne das immer breite werdende Wissen der Psychologie, wie wir wirklich ticken?
    Aber ebenso glaube ich, daß die Psychologie allein nicht die Fragen klären kann, ohne Philosophie und den Fragen, mit der sie sich, und somit wir, beschäftigt.
    Woher kommt die Energie, diese Fragen zu stellen und Antworten zu suchen?
    Wenn man bedenkt, daß sich das Wissen der Menschheit alle 2 Jahre verdoppelt, so wird auch verständlich, welche immensen neuen Informationen jede heutige Erkenntnis in 2 Jahren dieselbe verändern kann.
    In diesem Wissen, das jeder Antwort immer unvollkommen bleiben muss, sie aber für heute die beste ist, die zu finden möglich war, damit wird auch den nächsten Generationen die Freude geschenkt, über diese Fragen weiter nachzudenken und den selbstzerstörerischen Weg, den wir im kalten Krieg doch sehr nah gegenüber standen, weiter zu verlassen.

  3. Zunächst wird niemand bestreiten wollen, dass der Mensch ein Produkt der Evolution ist, dass seine Vorfahren Tiere waren und er folglich einen gehörigen Satz Instinkte und Triebe geerbt hat.
    Scheler möchte den Geist als Möglichkeit verstanden wissen, also als etwas, das den Menschen über das Tier und seine Fähigkeiten hinausführen kann, wenn er sich dessen bedient. Ob man diese Gabe nun nutzt oder nicht, als Potential ist sie in jedem Fall vorhanden.

    Den Einwand, dass wir es mit einem komplexen System von Bedürfnissen zu tun haben, das uns nicht immer ersichtlich ist, halte ich für sehr wichtig, weil er ins Zentrum des Problems führt: Wie erkennbar sind die angesprochenen Unterschiede, wie weit lassen sie sich tatsächlich feststellen und messen?
    Auch ein Tier wird nicht fressen, obwohl es Hunger hat, wenn ein anderer, stärkerer Reiz diesen Trieb überlagert.

    Das Tier jedoch, ist auf den Bereich der Welt begrenzt, den seine Instinkte ihm vorgeben – und wird so durch seine Umwelt bestimmt. Das Tier kann seinen Instinkt nicht thematisieren und aufheben – der Mensch mag sich seiner zugrundeliegenden Motivation nicht immer voll bewusst sein, aber er KANN sie thematisieren, sich und sein Verhalten daraufhin prüfen, warum er wie handelt. Er kann seine Motive in Frage stellen – selbst, wenn es keine vollkommene, positive Erkenntnis darüber gibt, so befreit diese Fähigkeit ihn dennoch aus der triebhaften Kausalität des Tieres.

    Die (klassische) Psychologie setzt das Tierhafte als gegeben voraus und nutzt den Geist, um zivilisatorische Probleme mit dem Tier zu lösen. Man spricht bei Freuds Theorie von der dritten, psychologischen Kränkung, was nicht von ungefähr in einer Linie mit unserem Thema steht… Ob also die Psychologie, bei aller unbestrittenen Nützlichkeit, hier das letzte Wort haben sollte, scheint mir ebenfalls höchst fraglich – eine philosophische Anthropologie, wie etwa Scheler sie entwirft, ist in meinen Augen eine absolute Notwenigkeit, zumindest solange Psychologie und Neurowissenschaften keine umfassende Erklärung des Menschen liefern können, wobei gleichfalls fraglich ist, ob dies überhaupt gelingen könnte.

  4. Diese Weltoffenheit und Instinktreduktion nach dem Motto- der Mensch kann alles mögliche aber nichts bestimmtes- scheint dem Menschen irgendeine Art von Freiheit zu geben, die das Tier in der Weise nicht hat. Es ist allerdings dann auch die Frage, wie der Mensch dann überhaupt zurecht kommt- warum leben wir dann genau so, wie wir leben und nicht anders, chaotisch und ohne Regeln? Arnold Gehlen hat doch diese offenbar von Scheler stammende Idee aufgenommen, und kommt ja dann irgendwann bei seinen „Institutionen“ an, die dem Menschen sozusagen sagen, „wo’s lang geht“. Und da hört diese Art der Freiheit dann auch schon auf, gewissermassen. Ich frage mich, wo genau der Unterschied zwischen Schelers „Geist“ und Gehlens Weltoffenheit besteht.

    Und Freud war mitnichten „nur“ ein Psychologe (nicht, dass Du das behauptet hättest). Ist halt auch die Frage, an genau welchen Grenzlinien man das alles voneinander trennen kann, wenn’s um ein „Menschenbild“ geht. Ich weiss eh nicht, wie man da durchfinden soll- aus dem Theorien- Supermarkt einfach was aussuchen?! Das ist immer wieder mein Problem. Vielleicht kann die Philosophie da ja helfen.

  5. Also ich emfinde für diesen vorliegendem text freude glück und trauer gleichzeitig
    ich denke tag und nacht darüber nach…
    was soll ich tun??
    soll ich etwa muhn`????
    ohnein ich muss mich jeztt auf den weg zu meinen tiefern innern machen und kann so nicht mehr an den compouter sitzen und über mich und die m,enscheit nach denken
    also frage ich jetzt mein gewissen über seine meinung über die these : warum sind bananan krumm und gehen die sonnenblume wirklich der sonne nach??
    und warum kommt kein kanal telemedial mehr???

    Euer Edgar

  6. Scheler als Retter vor der absoluten Determination unseres Handelns? Es wäre zu wünschen. Wenn wir Glück haben, führen eine ausreichende Anzahl an Einflussfaktoren, die aufeinander rückwirken zu zufälligen Ergebnissen. Aber je weiter wir den menschlichen Verstand wohl analysieren, desto fremder wird er uns wohl erscheinen.

    Das Strafrecht selbst ist nicht auf die Selbstbestimmung eines Menschen angewiesen… warum weiss ich noch nicht.

  7. Alles schön und gut….Doch "Geist" und "Weltoffenheit" scheinen nicht angeboren zu sein, da wir doch nur zum dem "Menschen" werden, wenn wir in unserer Gesellschaft aufwachsen….in einer Gesellschaft die uns fördert, Liebe, Hygiene und Nahrung gibt….

    siehe: "Wolfskinder"

  8. ich glaube den von fast allen geliebten gott gibt es nicht.nennt mich gotteslästerer oder sonst wie.das ist mir egal.ich denke zwar, das uns jemand schon erschaffen hat, aber ich sage nicht das es gott gibt.ich bin zwar getauft und konfirmiert,aber auch nur weil ich mal kirchlich heiraten möchte.wie gesagt ihr könnt erzählen was ihr wollt.der mensch wurde vom menschen selbst erschaffen und nicht von einer GOTTHEIT….

  9. lasst sie doch einfach diskutieren?!
    wenn ihr es unnötig findet…was juckt es euch dann?

    ich denke der mensch ist ein zoon politicon durch die evolution geworden und fühlt sich verpflichtet dazu seinen trieben zu folgen oder ihnen eben nich zu folgen.durch evolution und die annahme eines zoon politicons denke ich das der mensch noch mehr als animal soziale zu sehen ist.die bedeutung was ist der mensch ist das was jeder einzelne aus seinem leben macht um die welt zu berreichern.

  10. Beide Annahmen, sowohl der Glaube an die Freiheit des Menschen als auch die Notwendigkeit oder Zufälligkeit allen Geschehens, können allein alles erklären. Man kann immer alles auf Notwendigkeit, Zufälligkeit oder eine freie Entscheidung schieben.
    Schließlich kann der Geist, das Denken alles selbst auch ein Trieb sein, der voherbestimmt ist etc.

    Wer sagt mir außerdem, dass die Gabe "Geist" uns über die Tiere erheben würde? Vielleicht ist ja Geist eine noch viel niedrigere Form des Lebens.

    Dass wir Instinkte thematisieren können, befreit uns nicht von "triebhaften Kausalitäten"; vielleicht ist ja das Thematisieren von Instinkten selbst wieder bloß ein Instinkt.

    Was das Strafrecht angeht: Es basiert entweder (in einer Welt mit Freiheit) auf dem Konsens freier Entscheidungen oder (in einer Welt ohne Freiheit) auf dem zufälligen oder notwendigen Zustandekommen.
    Es erhält sich, weil ihm die Macht zur Erhaltung gegeben wird; ob dieses geben von Macht nun auf Freiheit, Zufälligkeit oder Notwendigkeit beruht ist dabei doch völlig gleichgültig.

    Nun zum letzten Kommentar: Wozu ist das Leben da, wenn nicht zur Verschwendung desselben?

  11. maja das war guuut :))
    ich such das thema schon überall,aber ich will nix mit gott.. wir haben in antropologie das thema, aber………
    naja okay ich geh dann ma 🙂

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