Wie viel Toleranz ist eigentlich gesund?

Einer der spannendsten Bereiche der Soziologie ist die Soziologie des abweichenden Verhaltens oder auch der Devianz. Deviant verhält sich, wer Normen und Regeln nicht befolgt, die von einer Mehrheit der Gesellschaft anerkannt, eingehalten und durchgesetzt werden. Solches Verhalten wird sanktioniert, denn keine Gruppe kommt gänzlich ohne Regeln aus, auch kein Syndikat und keine Motorradgang. Im Fall von Gesetzen tut dies eine eigens dazu geschaffene Behörde: die Polizei; in weniger institutionalisierten Gruppen geschieht es normalerweise informell, also durch eine Rüge, ein Auslachen, ein Kopfschütteln.

Man könnte nun denken, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft aus Konformisten besteht, die sich an die Spielregeln halten und denen eine Minderheit von Freibeutern und Verbrechern entgegensteht, doch so einfach ist es nicht: Niemand befolgt alle Normen und niemand bricht sie alle.
Man denke nur an den Straßenverkehr: Wer fährt schon immer völlig StVO-konform? Fast jeder fährt oft und gern ein wenig schneller als erlaubt, trotzdem fliegt kaum jemand mit hundert durch eine geschlossene Ortschaft. Selbst, wenn eine Regel gebrochen ist, ist man nicht frei davon; man zieht im Zweifelsfall eine neue Grenze, fährt 120 statt 100 und bremst brav beim Ortseingang.

Das Beispiel lässt sich mühelos in andere Bereiche übertragen und ergibt schließlich ein Bild unserer Gesellschaft, in dem es vor maßvollen Abweichlern nur so wimmelt. Trotzdem werden Verstöße gegen geltendes Recht und gängige Normen geahndet, denn ohne Regeln wäre es schlicht unmöglich, anderen Menschen zu begegnen. Was tun, wenn ich nicht wissen kann, welches Verhalten gerade als angemessen und welches als unmöglich verstanden wird?
Einen Vorgeschmack davon bekommt man, wenn man sich in einen kulturellen Kontext verirrt, der gänzlich anders ist, als der eigene. was hier normal ist, kann leicht woanders deviant sein und schon gerät man in Schwimmen und wird unsicher.

Es gibt allerdings soziale Bereiche, in welchen Devianz nicht wegzudenken wäre: Die Kunst etwa, die Wissenschaft oder die Politik. Unsere Welt sähe heute anders aus, wenn nicht immer wieder revolutionäre Ansichten und Ideen verfochten worden wären, und all diese Errungenschaften, die wir heute feiern, liefen zunächst gegen eine Wand der Ablehnung.

Individuelle Freiheit, Fortschritt und Entwicklung sind Vorzüge einer toleranten Gesellschaft, deren Regelwerk nicht mit Knüppel und Scheiterhaufen zementiert wird. Doch begünstigt diese Art der Offenheit nicht auch die „negative Devianz“, Verbrechen und Grauzonen, aufgeweichte Regeln und verschwommene Orientierungspunkte, die der Gesellschaft und ihren Mitgliedern mehr schaden als nützen?

vgl. Giddens, Anthony: Soziologie. Graz-Wien: Nauser & Nauser 1999, S.188ff

5 Antworten auf „Wie viel Toleranz ist eigentlich gesund?“

  1. Vermutlich (und ich rede einfach mal ins Blaue hinein) wird es negative Devianz immer geben. Man könnte deiner Frage, ob das herrschende System "negative Devianz" befördert auch umgekehrt an Dich herantragen: Führt ein sehr enges Regelwerk an Gesetzes und Verhaltensnormen nicht eher zu dem Versuch des Ausbrechens und Auflehnens gegen diese Regeln durch jenes negative Deviantentum?
    Das einrichten von Regeln war jedenfalls selten ein vernünftiges Konzept, um ein angestrebtes Verhalten der Mitmenschen zu erreichen. Es definiert erstmal einen abstrakten Handlungsrahmen, der erst noch vermittelt und durch den Mensch ankzeptiert werden muss. Vermutlich ist das die größte Herausforderung von jedwedem Reglement: Verständnis für gewisse Regeln wecken.
    Darüber hinaus kann man teilweise das Abweichlertum auch als Evolution der Regeln sehen, wie z.B. in der Kunst. Schwierig ist nur, welche Regeln dürfen, welche dürfen nicht umgestaltet werden. Die Regeln der Kunst sind nunmal etwas anderes als die Regeln der StVO. Während es in der Kunst gewünscht ist und quasi automatisch eintritt in dem Moment, in welchem das Kunstwerk präsentiert wir, entsteht bei der StVO starker Wiederstand, nicht zuletzt, da es eine StVO gibt, aber keine Kunstverordnung im Sinne eines staatl. Gesetzes.

    So oder so: Auch die Menschenrecht begannen ihre Karierre als deviante Regeln und wurden sicherlich von einigen Seiten als negative Devianz mit Mißfallen betrachtet. Die Wertung des Aufbrechens bestehender Regeln ist selten für alle positiv, die Wertung der Devianz ist allzuerst eine Frage der Perspektive.

  2. Sicherlich hast du damit Recht, dass Einsicht oder Verständnis für die Notwendigkeit einer Regel oder eines Gesetzes der Königsweg ist, aber wie realistisch ist das für den Normalfall?
    Im Übrigen wollte ich eigentlich den Eindruck vermeiden, dass es sich bei Normen (und Gesetze sind im Grunde nichts anderes, als institutionalisierte Normen) keineswegs um Setzungen handelt, die "der Staat" nach unten weitergibt; vielmehr ist ein soziales Gefüge etwas Hochdynamisches und Lebendiges, das natürlich einer Evolution unterworfen ist, sich aus sich selbst heraus entwickelt – so ist es in jeder sozialen Beziehung und auch bei einer Gesellschaft und ihrem Regelwerk.

    Darüber hinaus gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass eine freiheitliche Rechtsordnung für mehr nagative Devianz sorgt, als ein Polizeistaat; man könnte ebensoleicht die Gegenthese vertreten: Wenn Abweichler stark etikettiert werden erreicht man gewöhnlich nur eine Polarisierung; wer als "Verbrecher" stigmatisiert ist, sieht sich außerhalb der Gesellschaft und ihre Normen scheinen ihm oder ihr noch weniger verbindlich.

    Die Kunst ist, glaube ich, auch ein Sonderfall (unter anderen): Sie ist ein Subsystem der Gesellschaft, das ohne die Devianz nicht "funktioniert". Der Straßenverkehr ist da sicher anders zu verstehen…

    Wozu ich im Artikel nicht mehr gekommen bin (weil ich fürchtete, dann würde er endgültig zu lang, als dass ihn noch jemand zu Ende liest), ist die Frage der Orientierung im Hinblick auf weiche Normen. Das habe ich nur noch anzureißen versucht, obwohl ich es für eine recht brisante Frage halte:
    Unsere Gesellschaft bietet eine vielzahl akzeptierter Lebenskonzepte an, einen einheitlichen Wertekanon gibt es im Grunde nicht mehr, klassische Vorbilder schwinden – das verunsichert.

    Mir scheint, dass eine Identifikation mit den Normen der Gesamtgesellschaft, die Einsicht, die du forderst, somit schwächer werden muss. Kann der Konsens einer Gesellschaft so eine Art "kleinster gemeinsamer Nenner" zwischen auseinanderdriftenden Milieus sein, ohne den Zusammenhalt zu gefährden?

  3. Tja, wie realistisch ist es für den Normalfall? Zur Zeit sehen jedenfalls die meisten Menschen einen Sinn im Verbot der Tötung von Menschen aus Langeweile. Polemisch, zugegeben. Kurz: Ich halte es für realistisch, jedoch muss im einzelnen immer erneut bewertet werden. Jedoch wollte ich genau darauf hinaus: Wir wissen nicht, was für weniger (un)erwünschte Devianzen sorgt und ob man das wollen kann. Insofern stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit einer Dosierung der Toleranz.
    Driften die Milieus auseinander? Ich hoffe doch! Ein Pluralismus bedeutet ja nicht zeitgleich einen Ausschluß des Anderen, mag jeder seinen persönlichen Wertekanon selbst für sich entdecken und damit glücklich werden, es eint uns die Plattform unserer Entfaltung, das Grundgesetz. Hier kann eine Gesellschaft natürlich keine Devianz akzeptieren ohne zu zerbrechen.
    Die Gesetzte als Plattform eines plattformübergreifenden Pluralismus, geboren aus dem Schoß der Devianz, ist lehrreich für alle Beteiligten und ebenso menschenwürdig. In einem säkularem, freiheitlich verfassten Staat steht der Entfaltung der eigenen, der anderen, der neuen Kultur nichts im Wege – zum Glück.
    Also soweit mein kurzer Gedankenlauf:
    Devianz im Sinne von Gesetzesbruch und im Sinne eines Bruchs einer Kulturnorm (o.ä.) müssten gesondert betrachtet werden. Entkoppeln wir vorerst beides, scheint es kaum ein Problem zu geben, oder?

  4. Natürlich muss man die beiden Bereiche gesondert betrachten, aber ich finde, dass du in deinem Gedankentiefflug ganz schön viel voraussetzt:

    Mit der Distanz, die zwischen ihnen wächst verschwindet die Identifikation, die Verantwortlichkeit, die Zugehörigkeit. Wenn man das weiterdenkt, kommt eine Gesellschaft heraus, in der vielleicht noch alle darüber einig sind, auf die "Tötung von Menschen aus Langeweile" zu verzichten, aber das war’s dann im Groben auch schon. Ich finde es ein wenig schräg diese konservative Position zu vertreten, aber es kommt eben nicht dazu, dass jeder seinen eigenen Wertekanon ausbildet (es sei denn, man fasst den Begriff "Wert" weiter, als ich dazu bereit bin), sondern eben genau zu einer "Wir und die anderen"-Identifikation, zur Abgrenzung von den (scheinbar) ganz anderen.
    Wenn sich die Normen und Habiti, die unsere Gesellschaft als Ganzes zusammenhalten, auf das BGB beschränken, kann man hier nicht mehr leben: Das Gesetz regelt zum Glück lange nicht alles im Leben und wenn über das, was es nicht einschließt, kein Konsens mehr bestünde, wäre es nicht nur mit sozialer Mobilität aus. Du könntest nicht einmal ein normales Gespräch mit jemandem aus einem anderen Milieu führen.

    Das ist ein irrealer worst case, aber ich wollte das Thema gern wieder aufspannen, nachdem du das Problem selbst in Frage gestellt hast.

    Die Plattform muss zweifelsfrei etwas weiter gefasst werden, als nur die Rechtsstaatlichkeit. Für ein Maß an Freiheit, wie du es forderst ist unser Land schlicht zu klein (oder zu dicht besiedelt).
    Unser Gesellschaftssystem ist zu komplex, als dass sich die Kommunikation und Verschränkung zwischen ihren Teilsystemen weiter reduzieren ließe, ohne a l l e einzuschränken.

  5. Nun, ich spreche hier natürlich nicht als Soziologe, aber zuallererst das Gespräch. Im Moment des Gesprächs sind beide Seiten daran interessiert das Gegenüber zu verstehen, ansonsten käme kein Gespräch zustande, kein Wort würde gesprochen, keinem Wort würde zugehört.

    Verbindlichkeit etc. .. es ist ein Gedanke, warum kommen wir damit nicht zurecht, dass es eine Kulturschicht innerhalb einer Gesellschaft geben kann, die sich isolieren möchte. Solange sie die Rahmenbedingungen der Gesamtgesellschaft achtet, spricht ja eigentlich nichts dagegen, außer dem Bestreben, dass wir immer eine große "Familie" bilden müsssen. Wieso sollte man die selbstgewünschte Isolation als Übel betrachten, das ausgeräumt werden muss? Sicherlich, man ist es gewohnt, aber was folgt schon daraus? Freiheit ist auch die Freiheit zum Rückzug und wieso sollten wir diese Freiheit beschneiden wollen, diese Devianz zur Unerwünschten machen, wenn sie doch den gesamtgesellschaftlichen Rahmen anerkennt. Ein Beispiel wären die Armish.

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