Zeitgeist und Krise – Karl Jaspers

Zu allen Zeiten gab es Untergangspropheten, die das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt kommen sahen. Bisher irrten sie alle. Ebenso lange gab und gibt es Denker, Wissenschaftler und Philosophen, die ihre jeweiligen Kultur bescheinigten, sich in der Krise zu befinden, Weg und Ziel aus den Augen verloren zu haben oder schlicht im Sumpf von Machtinteressen, Korruption und Irrlehren zu versinken. Die Letztgenannten hatten in aller Regel recht – wenn es ihnen auch kaum je gedankt wurde und ihre mahnenden Worte zumeist folgenlos blieben.

Es gibt kaum eine Epoche, die nicht auch scharfe Kritiker ihres Zeitgeistes hervorgebracht hätte. In der Moderne aber – und insbesondere seit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – verdichten sich die kritischen Stimmen zu einem Chor, der nur noch von den Gräueltaten dieser Zeit übertönt wird. Wer würde, angesichts der Schrecken der beiden Weltkriege, der Shoah und dem Damoklesschwert der atomaren Vernichtung des gesamten Planeten, das gut 45 Jahre lang über der Welt schwebte, nicht von einer Krise sprechen?!
Heute scheinen diese Ereignisse allmählich in die Geschichtsbücher einzusinken, wo sie ihren Platz auf den letzten Seiten einnehmen, zusammen mit anderen Epochen, die gleichfalls vergangen und überwunden oder zumindest überstanden sind. Doch sind damit auch die Stimmen der einstigen Kritiker ihrer Zeit nur noch für Historiker relevant? Sind sie zusammen mit dem, was sie anprangerten, Geschichte? Haben wir heute nicht genug eigene und andere Krisen, welche die Zeitungen, Nachrichtensendungen und Newsfeeds überschwemmen?
Natürlich tun Nachrichtenagenturen und Redaktionen gut daran, sich dem Aktuellen zu widmen und dieser Artikel hat auch nicht zum Ziel, das alte (und wahre) Wort von George Santayana aufzuwärmen, dass, wer die Geschichte nicht kennt, dazu verdammt ist, sie zu wiederholen. Vielmehr geht es um die Frage, ob die Zeitkritik tatsächlich schon veraltet ist, wenn die Zeitzeugen die Zeit-Täter überlebt haben.

Karl Japsers veröffentliche 1931 seine Schrift über »die geistige Situation der Zeit«. Darin beschäftigt er sich jedoch nicht mit den konkreten politischen und wirtschaftlichen Krisen seiner Zeit, sondern mit der Krise der Kultur, die für ihn allem anderen zugrunde lag: Über Jahrhunderte hinweg hatten sich Vorstellungen von der Welt und vom Menschen herausgebildet, verbreitet und durchgesetzt, die er als zutiefst problematisch ansah: Rationalismus und Materialismus lassen die Welt wie eine große Maschine erscheinen, deren Bedienungsanleitung die Wissenschaften liefern. Durch die Fortschritte in Medizin und Technik wächst die Bevölkerung, die nun mit Massen von Produkten versorgt werden muss – und die eine Masse von Arbeitern hervorbringt, die in der Herstellung dieser Produkte eingesetzt werden kann und muss. In dieser Wechselwirkung sieht Jaspers die wesentliche Struktur der modernen Gesellschaft: Die Daseinsordnung in der Masse. Der Einzelne, als das unverwechselbare und einzigartige Individuum, das er ist, spielt in diesem System keine Rolle – er findet sich darin nur als Funktion wieder, die ebenso gut ein anderer übernehmen kann. Was den Menschen im Grunde ausmacht, sein Selbstsein, seine Existenz, geht in diese Daseinsordnung nicht ein, hat für das System keinen Wert und stellt in der Logik der Daseinsordnung nur eine Störquelle dar.
Der Mensch auf der Suche nach Wert und Würde wird in der Massenordnung nicht fündig und kommt, so Jaspers, letztlich zu der Erkenntnis, dass diese nur Mittel kennt – und keine Zwecke. Der Apparat, wie Japsers dieses System auch nennt, dreht sich letztlich nur um sich selbst und hat keinen Sinn, der darüber hinausgeht immer weiter zu funktionieren. Sein Funktionieren ermöglicht und erhält das Leben von Millionen Menschen – aber, so Japsers, nicht als Menschen, sondern als Elemente der Masse. Ein echter Zweck müsste aber darüber hinausgehen und darauf ausgerichtet sein, es den Individuen zu ermöglichen, sich als solche zu erkennen und zu erleben, ihre Existenz zu erhellen, wie Jaspers sagt. Dies jedoch widerspricht der Massenordnung und sie weiß es auf tausenderlei Weisen zu verhindern und zu unterlaufen.

Jaspers erklärt in seiner Schrift, die hier nur grob nachgezeichnet ist, nicht die Krisen, Kriege und Verbrechen seiner Zeit. Er spürt den Tiefenströmungen ihres Geistes nach stellt sie in Frage. Seine Diagnose wurde diskutiert und kritisiert, vieles erscheint heute in einem anderen Licht und manches mag zurecht angezweifelt werden. Doch ist die geistige Situation unserer Zeit eine völlig andere?

Der letzte Weltuntergang ist kaum drei Monate her, auch er ist ausgeblieben. Wer ihn prophezeit hat, weiß heute schon niemand mehr. Die Rede von der Krise und den Krisen ist allgegenwärtig und dadurch fast schon zum Hintergrundrauschen geworden. Ist der Zustand der Krise vielleicht der eigentliche Geist unserer Zeit – und wann endet sie nun wirklich, damit wir daraus lernen können?

Textgrundlage:
Jaspers, Karl: Die geistige Situation der Zeit. Berlin: Walter de Gruyer, 1965.

Eine Antwort auf „Zeitgeist und Krise – Karl Jaspers“

  1. "In dieser Wechselwirkung sieht Jaspers die wesentliche Struktur der modernen Gesellschaft: Die Daseinsordnung in der Masse. Der Einzelne, als das unverwechselbare und einzigartige Individuum, das er ist, spielt in diesem System keine Rolle – er findet sich darin nur als Funktion wieder, die ebenso gut ein anderer übernehmen kann. Was den Menschen im Grunde ausmacht, sein Selbstsein, seine Existenz, geht in diese Daseinsordnung nicht ein, hat für das System keinen Wert und stellt in der Logik der Daseinsordnung nur eine Störquelle dar." – Jaspers‘ Irrtum. Der Einzelne spielt durchaus eine rolle, auch wenn der Apparat das zu ignorieren scheint. Ohne diese Einzelnen könnte der Apparat kaum existieren und nach einigen Jahrhunderten wäre die Erde tot. Jaspers verkennt die geistige Realität des Menschen. Mögen die Taten der Einzelnen noch so belanglos sein, allein schon ihr Dasein hält den Organismus Erde am Leben. Natürlich liegt das außerhalb der naturwissenschaftlichen Beweisbarkeit. Aber das liegen Denken, Fühlen und Träumen eben auch, und dennoch wissen wir, dass wir eigentlich darin unsere Existenz finden.

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