Philosophie und Glaube

Philosophie und Glaube unterscheiden sich grundsätzlich, während die Philosophie die Wahrheit sucht, glaubt der Glaube diese bereits zu kennen. Und während die Meisten diesen Unterschied als trivial und richtig abnicken, ist doch oft zu bemerken, dass philosophische Lektüre durch die Brille des eigenen Glaubens gelesen wird.
Mit Glauben ist hier weniger eine Gottesvorstellung gemeint (der in sich problematische Sonderfall der Religionsphilosophie soll hierbei unberücksichtigt bleiben), als vielmehr die persönlichen Auffassungen über die Beschaffenheit der Welt, die des Menschengeschlechts oder den erstrebenswerten zwischenmenschlichen Umgang, die gültigen Normen und Werte. Häufig ist zu beobachten, dass, wenn eine philosophische Lehre gegen die persönlichen alltäglichen Auffassungen, z.B. vom Menschen als Menschenfreund oder Misantrophen, verstößt, sie nur auf Grund des persönlichen Glaubens, eines eigenen Gefühls verworfen wird, ohne dass man den Text gewähren lässt. Dabei ist eine philosophische Schrift durch Glauben ebensowenig zu widerlegen, wie Glaube durch eine philosophische Schrift ad absurdum geführt werden kann. Philosophie und Glaube bewegen sich schlicht auf verschiedenen Ebenen, die sich gegenseitig nicht in gültiger Weise beeinflussen können, denn Glaubenssätze sind für die Philosophie ebensowenig von Nutzen, wie ein philosophischer Beweis einen Glauben ruinieren muss. Philosophie ist nicht dafür da, uns in unserem Glauben über dies und jenes oder unseren Gefühlen eine Sache betreffend zu bestätigen, sondern sie ist Suche nach der Wahrheit, auch wenn die Wahrheit unseren Auffassungen schmerzlich widersprechen sollte.
Die Philosophie lediglich dazu zu nutzen, sich in seinen Haltungen bestätigen zu lassen und seinem Glauben widersprechende Sachen als Mumpitz zu verwerfen, bedeutet die Philosophie leer werden zu lassen, denn nicht länger wäre sie in diesem Fall eine Begleiterin auf der beschwerlichen Suche nach der Wahrheit, sondern lediglich ein Instrument der bequemen und wahrheitsindifferenten Selbstbestätigung.

7 Antworten auf „Philosophie und Glaube“

  1. Die Gefahren, die du da aufzeigst, sind gewiss vorhanden. Aber ich denke man sollte genau hier diese Schraube noch ein wenig weiter anziehen und kritisch hinterfragen, inwiefern eine Philosophie ohne Glauben überhaupt möglich ist.
    Denn so einfach sind die Sphären nicht zu trennen.

    Noch Bevor man anfängt sich über gewisse Dinge Gedanken zu machen, braucht es ein gewisses Grundverständnis, ein Grundeinverständnis oder Übereinkommen über die Dinge. Man könnte auch sagen ein gemeinsames Glaubensbekenntnis, denn vorher ist kein Denken und kein Sprechen möglich. Ich sage "Glaubensbekenntnis", weil sich genau diese unhinterfragte Grundgemeinsamkeit an Welterfahrung sich allzu oft als "Vorurteil" herausgestellt hat. Und zu sagen: Aber heute sei das eben nicht mehr so, lasse ich da natürlich nicht gelten.

    Wenn du jetzt sagst, die Philosophie und der Glaube wären voneinander zu trennen und der "Beweis" und der "Glaubenssatz" seien zwei grundverschiedene Dinge, dann kann ich also nur sagen: "Ups. Und schon hat sich der Glaube wieder durch die Hintertür eingeschlichen."

    Ich würde also eher dafür plädieren sich mit diesem notwendigen aber gerne verleugneten "Erbe" der Philosophie, das was wir Glauben nennen, konstruktiv auseinander zu setzen. Kritisch natürlich, aber auch und vor allem gegen uns selbst. Und dabei bloß nicht in die Vermessenheit geraten, zu meinen, man könne eine glaubensfreie Philosophie betreiben. Ich denke, das wäre von allen Fehlern der schlimmste.

  2. Hallo mspro,
    Du hast mit deiner kritischen Bemerkung durchaus recht, dass es eines gemeinsamen Feld bedarf um Philosophie zu entwickeln, da Philosophie vor allem die Sprache braucht.
    Dennoch denke ich nicht, dass man Philosophie und Glaube definitorisch so einebnen muss, dass sie einander nahezu gleich werden, auch wenn das möglich wäre. Ich denke jedoch, ich habe sie begrifflich in den ersten zwei Zeilen deutlich voneinander getrennt dargestellt und würde auch an dieser Trennung festhalten, wenngleich ich Dir deswegen nicht widerspreche, aber deine Einwände betreffen weniger diese erste Definition, da es höchstens bedeuten würde, dass man von einem Glauben ausgehend philosophiert (also mit philosophischen Techniken arbeitet, was immer noch etwas anderes wäre, als die philosophischen Techniken nicht anzuwenden und einfach zu glauben). Gleichsam entsteht in diesem Fall aber die Frage, kann der Glauben als Ausgangspunkt durch die Technik der Philosophie verlassen/aufgegeben/gewechselt werden, oder würde er, da er Ausgangspunkt ist, als unüberwindbare Barriere wirken? Ich schätze, eine unüberwindbare Barriere wäre er nicht, sofern man ihn nicht dazu erheben möchte.
    Die "glaubensfreie" Philosophie ist ein interessanter Gedanke, ich würde behaupten, dass die pyrrhonische Skepsis wirklich als glaubensfrei bezeichnet werden könnte, da Sie keinerlei ist-Aussagen, nicht einmal über sich selbst und nicht einmal darüber, dass sie keine ist-Aussagen trifft, produziert.

    P.S. Keine Sorge um deine e-mail Adresse, wenn Du in den Quelltext siehst, wirst Du feststellten, dass sie dort verschlüsselt abgelegt ist und nur bei einem Mouseoverevent via Javascript dekodiert wird – etwas zuviel Aufwand für einen Adresssammlerroboter.

  3. Interessanter Gedanke diese Trennung zuwischen Glauben und Philosophie. Ich würde mal ganz spontan von mir behaupten, dass ich mich irgendwo dazwischen bewege. Da ist einerseits mein Glaube und andererseits die Philosophie. In Beidem kann ich mich wiederfinden und bewegen, ohne dass ich an etwas festhalten muss. Beides bereichert mein Leben und auch Erkenntnisprozesse. Wobei ich auf beiden Seiten immer wieder wohl recht gesunde Widerstände in mir spüre.
    Die Frage, die sich mir jedoch immer stellt ist : Sind das nun Entwicklungschancen oder stimmt dies einfach nicht ? Um diesen Dingen auf den Grund zu gehen wähle ich persönlich sowohl den Glauben als auch die Philosophie.

  4. Ich gebe dir natürlich recht, dass Philosophie etwas anderes ist, als Glauben. Und mitnichten will ich da die Unterschiede einebnen. Und völlig d’accord bin ich auch, wenn du meinst, dass die Philosophie über den Glauben hinaus gehen sollte. Die Frage ist nur: wie? Ich bin der Meinung, dass man sein Ziel verfehlt, wenn man den Glauben als <i>das Andere der Philosophie</i> betrachtet, also ihr entgegengesetzt und von einander Unabhängig.

    Das ist, wie Du richtig feststellst, ja auch schon versucht worden. Nicht zu letzt auch von Descartes und seinem Cartesianismus. Aber bisher haben diese Ansätze nur zu einer kompletten Weltverleugnung geführt. Ein wirkliches A-priori ist einzig im vollkommenen Solipsismus möglich. Man kann dann darüber streiten, ob es nun eine Geisteskrankheit oder noch eine Philosophie ist. Erkenntnisreich ist sie jedenfalls nicht so besonders.

    Das bringt mich wieder zu einer kritischen Bejahung des Glaubens als die bessere Strategie. Wenn man davon ausgeht, dass Denken ohne Glauben nicht möglich ist, dann ist es die Aufgabe der Philosophie dem Rechnung zu tragen, indem sie die eigenen und die fremden impliziten Glaubenssätze in den Texten kritisch identifiziert. Nicht als Anklage, sondern als Offensichtlichmachung, vielleicht als Reinigung. Das kommt dann dem Konzept der "Dekonstruktion" sehr nahe, die, wie ich finde, immer einen sehr fruchtbaren Boden hinterlässt, auf dem es sich dann lohnt weiterzudenken, um gerade nicht in der Falle des Glaubens zu verharren.

  5. Ich denke, wir sind uns prinzipiell einig. Glaube als Voraussetzung etc., aber da sind wir natürlich auch weit aus dem Topos heraus, welchem ich mir im Artikel bediene um den Unterschied zwischen Glauben und Philosophie aufzuzeigen.
    Nicht zustimmen kann ich dabei allerdings deinen Ausführungen zum Cartesianismus, nun, schon zu diesen im speziellen, aber ich habe die pyrrhonische Skepsis angeführt, als womöglich einzige glaubensfreie Philosophie und diese ist etwas ganz anderes und verleugnet auch nicht die Welt – aber gut, das ganze führt wohl zuweit.
    Um aber noch einmal kurz zu Descartes zu kommen, nur am Rande, Du sagst es seie nicht besonders erkenntnisreich, das hätte Descartes sicherlich nicht so gesehen, denn diese Erkenntnis macht alle anderen nicht nur obsolet, sondern ist auch wohl die wichtigste von allen.
    Aber für eine kritische Bejahung des Glaubens sollte man ihn wohl erst einmal näher definieren, aber ich habe so den Eindruck, dass die Philosophie im allgemeinen (so gefährlich diese Aussage auch ist) durchaus zuhauf sich mit den impliziten Glaubenssätzen befasst. Kaum etwas ist wohl schlimmer, als vorgeworfen zu bekommen, von Topoi aus zu argumentieren, also Rhetorik zu betreiben und keine Philosophie.

    Also, abgesehen von diesen Einwänden, kann ich Dir nur zustimmen.

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