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Über Meinungen

Wenn Du in Übereinstimmung mit der Natur lebst,
wirst Du niemals arm sein:
wenn du nach den üblichen Meinungen lebst,
wirst Du niemals reich sein.

(Sen. ep. 16, 7 = 201 Us.)


Epikur. Wege zum Glück. Hrsg. und übersetzt von Rainer Nickel. Düsseldorf: Artemis & Winkler Verlag 2003. Fragmenta (20). (=Sammlung Tusculum)

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Gibt es eine umfassende Interpretation?

Jede Interpretation verfügt über einen Blickstand, eine Blickhabe und eine Blickbahn.

Der Blickstand wird vom Interpreten eingenommen und ist abhängig von seiner Lebenssituation, seine Lebenssituation orientiert sich wiederum am Zeitgeist seiner Zeit, der sozialen Verfasstheit der Gesellschaft etc.
Die Blickhabe bezeichnet nichts anderes, als die thematische Vorbestimmung der Auslegung durch den Interpreten. Betrachtet er z.B. den Text als eine ethische Schrift, ein politisches Manifest oder eine anthropologische Untersuchung?
Die Blickbahn ist abhänig von der Frage der Interpretation, also das, was der Interpret im speziellen offenlegen will.

Stimmt man den obigen Punkten zu, wird es niemals einen gänzlich ausgeforschten Text geben, da sich endlose Kombinationsmöglichkeiten von individuellen Blickständen, Blickhaben und Blickbahnen ergeben - allein schon aus dem profanen Grund, dass sich der Blickstand stets mit der Zeit verändern wird. Keine Interpretation sollte folglich einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da sie selbst immer speziell ist und befangen durch ihren Blickstand, ihre Blickhabe und ihre Blickbahn.
Wie wäre es auch sonst zu erklären, dass wir stets neue wissenschaftliche und erhellende Arbeiten über zweitausend Jahre alte Texte vorfinden, wobei die Texte schon seit hunderten von Jahren erforscht werden?
Es bleibt die Frage, ob wir den Text jemals annähernd unter dem Blickstand, der Blickhabe und der Blickbahn des Autors sehen können, oder ob dies für uns immer ein Geheimnis bleiben wird.

nach Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretation zu Aristoteles. Hrsg. von Günther Neumann. Frankfurt am Main: Reclam Verlag. (2002): S. 5-6

Chris  Philosophie  2 Kommentare

Der Glaube an die Wissenschaft

In unserem säkularisierten Staat, in der die christlichen Kirchen immens an Boden verloren hat, scheint es so, als habe sich der Glaube, der einst das Fundament der Gesellschaftsordnung in ganz Europa war, verflüchtigt.
An seine Stelle trat mehr und mehr die Wissenschaft, die ihre unersättlichen Arme nach allem ausstreckte, was zuvor als heilig und unantastbar galt:
Das menschliche Genom ist entschlüsselt (wenn wir auch bislang nur einen Bruchteil davon in seiner Funktion begreifen können), die Psychoanalyse erhellt das tiefe Dunkel unseres Unbewussten und die Neurologen machen herrlich bunte Bilder von unseren Gehirnen bei der Arbeit.
All dies dient dem Erkenntnisgewinn, der jedoch lange schon kein Selbstzweck mehr ist:

All diese Informationen und Verfahren sind wertvoll und gewinnbringend, denn wer kann sich ihrer Wirkung noch entziehen? Wer ihre unglaublichen Verdienste leugnen?
Es ist nur konsequent, wenn ihre Erkenntnisse unser tägliches Leben beeinflussen: strafmildernde Umstände etwa, wie sie die Psychologie in der verpfuschten Kindheit eines Angeklagten findet, sind kaum auszuräumen: Jeder weiß um die entscheidende Bedeutung der kindlichen Entwicklung für das weitere Leben.
Auch wird heute kaum ein psychisch Kranker mehr als schlichtweg hysterisch von seinem Hausarzt mit langen Spaziergängen behandelt. Es gibt unzählige Therapieformen, die stets weiterentwickelt werden. In Fällen, in welchen solche Maßnahmen nicht mehr greifen, bietet die Pharmaindustrie den Betroffenen Möglichkeiten, ein würdiges Leben zu führen, denn unserer besseres Verständnis der fragilen und komplexen Hirnchemie erlaubt ein gezieltes Eingreifen, wenn krankheitsbedingt ein Ungleichgewicht besteht.

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Tom  Nachdenkliches  5 Kommentare