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Heidegger über vermeintliche Wahrheiten

Es kann etwas allgemeingültig,
allverbindlich und doch nicht wahr sein.


Heidegger, Martin: Platon: Sophistes. Hrsg. von Ingeborg Schüßler. Frankfurt am Main: Victoria Klostermann. 1992. (=Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 19). S. 24

Chris | 03.12.06  Zitat des Monats  4 Kommentare

Was wissen wir schon wirklich über jene?

Viele Philosophen haben nichts aufgeschrieben und von anderen, die etwas von ihrer Lehre niedergeschrieben haben, ist nichts erhalten. Ohne Zeugnisse, die von der Person selbst stammen, ist der heutige Mensch auf die Schriften von anderen verwiesen, die etwas über die Person aufgeschrieben haben.
Schopenhauer geht genau auf dieses Dilemma am Paradigma des Sokrates ein. (1) Sokrates hat selbst nichts niedergeschrieben und abgesehen von den Überlieferungen der sokratischen Lehre durch Platon sind nicht viele weitere Berichte vorhanden. Die Frage die sich hierbei stellt ist offenbar: Wie nahe an der wirklichen Person liegt die Überlieferung? Schopenhauer bemerkt, in seiner typischen Manier, dass nach Berichten Sokrates einen Bauch gehabt haben soll und dies nicht das Abzeichen eines Genies sei.
Doch man muss bei Weitem nicht so polemisch werden, in der Tat können wir nicht wissen, ob uns Platon einen stark idealisierten Sokrates präsentiert, der nicht mehr viel Berührungspunkte mit dem Original hat, oder nicht. Man kann freilich darüber nachsinnen, wie wahrscheinlich das Eine oder Andere ist, aber wissen werden wir es wohl niemals. Dies gilt, wie gesagt, für alle Philosophen, die selbst nichts niederschrieben, oder über die nicht ausreichend voneinander unabhängige Überlieferungen durch Andere existieren.
Es schadet gewiss nicht, sich über der Lektüre eines frühen platonischen Dialogs (2) ein wenig den Zweifel vor Augen zu halten, in welcher Weise Platon uns Sokrates überliefert hat und ob es einen derart überlieferten Sokrates jemals gab.

(1) Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Fragmente zur Geschichte der Philosophie. Hrsg. von Frhr. v. Löhneysen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, o.J. (= Sämtliche Werke, Bd. IV). §3
(2) Die frühen platonischen Dialoge werden häufig als unverfälschte sokratische Philosophie angesehen, wobei die späteren als platonische Philosophie gelten. Diese Zuordnungen und Wertungen sind jedoch nicht immer ganz unproblematisch.

Chris | 12.08.07  Philosophie  2 Kommentare

Die Schüler sind die Lehrer des Lehrers

Auf den ersten Blick zeichnet sich das Schüler- und Lehrerverhältnis vor allem dadurch aus, dass eine markante Asymmetrie im Wissen den Einen zum Lehrer macht und die Anderen zu Schülern. Jedoch ist die Frage berechtigt, inwiefern es sich hierbei wirklich um eine starre hierarchische Struktur handelt.
Lehrt der Lehrer lediglich und überlässt das Lernen den Schülern? Es wäre sicherlich zu weit gegriffen den Wissensunterschied von Lehrer und Schülern nivellieren zu wollen, da er offensichtlich vorhanden ist und konstitutiv auf die Rolle als Lehrer und Schüler wirkt. Dennoch scheint an dem Ausspruch, dass der Lehrer im Unterricht mindestens so viel lernt wie der Schüler, etwas Wahres zu sein, denn wo immer Menschen zusammentreffen entstehen Möglichkeiten neues Wissen zu erwerben, sei es durch eine fruchtbare Diskussion, beispielsweise in einem philosophischen Seminar zwischen Lehrkörper und Studenten, sei es durch repetieren des eigenen Wissens im Versuch einen Sachverhalt zu erklären (denn erst hier werden Lücken offenbar, wo man zuvor keine vermutet hätte), sei es, dass die soziale Kompetenz im Umgang mit den Schülern geschult wird oder einfach nur der horizonterweiternde Umstand fremde Sichtweisen zu erfahren. Diese Liste könnte sicherlich beliebig verlängert werden, doch diese exemplarischen Beispiele sollen an dieser Stelle genügen.
Freilich kann nur derjenige lernen, der offen dafür ist, dies gilt für Lehrer und Schüler gleichermaßen. Der überhebliche Lehrer wird vermutlich genauso wenig lernen, wie der überhebliche Schüler, der meint, ohnehin bereits alles notwendige über die Welt zu wissen.
Schon Konfuzius sagte, dass überall wo er mit anderen Menschen zusammentraf er seinen Lehrer unter ihnen fand (Lunyu 7.21).
Jedes Zusammentreffen ist eine Chance zum Lernen, so versteckt sie auch sein mag, sie ist vorhanden und wartet nur darauf genutzt zu werden.

Chris | 10.06.07  Nachdenkliches  2 Kommentare