Das Ich im Vergleich

Dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann ist eine Binsenweisheit.
Vergleichbarkeit wird jedoch allerorten gefordert und nach Möglichkeit hergestellt: Die berühmte PISA-Studie vergleicht unterschiedlichste Schulsysteme, IQ-Tests vergleichen augenscheinlich Intelligenz, durch Schulnoten vergleichen sich Schüler mit ihren Banknachbarn. Das Bedürfnis danach, sich mit anderen zu messen ist das Grundprinzip der meisten Sportarten und das Interesse der Menschen an Magazinen, die Listen der Hundert schönsten, reichsten oder bekanntesten Menschen erstellen scheint ungebrochen.

Die in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen so verbreitete Neigung, Vergleiche anzustellen, findet sich bei den meisten Menschen auch im persönlichen Bereich: Man begegnet Menschen und ordnet sie ein. Dieser oder jener ist klüger als man selbst, schöner oder erfolgreichen – andere hält man für dümmer, häßlicher oder weniger erfolgreich.

Wie folgenreich diese recht willkürliche und subjektive Einschätzung ist, hängt zumeist davon ab, welche Bedeutung man dem Kriterium beimisst: Ein Karrierist, den vor allem ein hohes Einkommen interessiert und antreibt, und ein passionierter Geisteswissenschaftler, dessen Streben durch ein Ideal von Bildung und Wissen motiviert ist, werden einander wahrscheinlich gering schätzen, denn in der jeweils wichtigsten Disziplin schneidet der Andere schlecht ab, der Denker verdient wahrscheinlich weit weniger als der ehrgeizige Aufsteiger, bemüht sich gleichzeitig aber weit weniger um die Erweiterung des eigenen Horizonts. Letztlich sehen vielleicht beide aufeinander herab.
Dieses Bild ist natürlich in polemischer Weise überzeichnet und stilisiert, zeigt aber, dass der Vergleich mit anderen nicht zuletzt Abgrenzung bedeutet und so Identität stiften kann.

Vergleicht man sich hingegen mit jemandem in einer Disziplin, die beide als wichtig und erstrebenswert ansehen, fällt das Urteil oft und gern anders herum aus: Hier kann es verunsichern und erschüttern, jemandem zu begegnen, der sich ungleich besser zu schlagen scheint, und Thomas Bernhard schreibt im Untergeher sogar, wenn man dem Ersten begegnet, müsse man aufgeben. Hier trägt der Vergleich mit anderen nicht zur Identitätsfestigung bei, vielmehr trägt er einen Teil der Identität ab, indem er die Möglichkeit nimmt, sich über eine Stärke zu definieren. Und wie leicht ist ein solcher Erster gefunden, stolpert man doch fast zwangsläufig durch das eigene Streben über die Besten des Fachs: Als Wissenschaftler liest man Arbeiten der Kapazitäten auf dem eigenen Gebiet, wer beruflich aufsteigen will hat zumeist Vorgesetzte, wer vor allem schön sein will liest Magazine voller Bilder von schönen und geschönten Menschen…

So wichtig und nützlich der Vergleich in vielen Bereichen auch sein mag – für das Individuum kann es ungemein schädlich sein, einen allzustrengen Vergleich mit anderen anzustellen. Und letztlich ist ein Mensch mehr als die Summe der Disziplinen, in welchen er antritt, lassen sich allenfalls erreichte Punktzahlen in jeweils einem bestimmten Fach miteinander messen:
Im Ich-sein bleibt das Ich konkurrenzlos, ist jeder ein Apfel unter Birnen.

5 Antworten auf „Das Ich im Vergleich“

  1. Ich stimme dem im großen und ganzen zu und kann auch mehrere Beispiele aus meinem Alltag nennen, die die Steigerung der Indentität bei Überlegenheit in bestimmten Bereichen und auch den Verlust dieser bekräftigen. Doch resultiert die Begegnung eines Ersten wirklich immer in Verlust von eigener Identität? Es ist doch auch möglich das sich durch den Vergleich die eigene Identität steigert, indem zum Beispiel der Ergeiz geweckt wird, sich zu verbessern oder Qualitäten in anderen Bereichen entdeckt werden.Auch der Charakter könnte gestärkt werden durch die unbewusste Herausforderung des Ersten.
    Desweiteren würde der unweigerliche Verlust von Identität durch den Ersten im totalen Verlust der Identität bei dem Großteil der Bevölkerung führen, da es in so gut wie jedem Bereich jemanden gibt der besser ist als man selber. Folglich dürften die meisten keine Identität mehr besitzen. Da das aber bekanntermassen nicht der Fall ist, muss es noch weitere Möglichkeiten geben auf einen Besseren zu reagieren als den Verlust. Natürlich ist die Enttäuschung zermürbend die durch die Erfahrung, dass man nicht so gut in einem Fach ist, wie man vorher angenommen hat, entsteht.
    Mich hat zum Beispiel das Wissen, dass ich eine Null im Diskutieren und Philosophieren bin noch angestachelt mich tiefer mit den großen Philosophen zu beschäftigen und mich in sinnlose Diskussionen zu verstricken um diese Schwächen teilweise zu kompensieren. Ich hab das zwar bis jetzt noch nicht wirklich geschafft, aber das ist ja ersteinmal egal.

  2. Ich bin ebenfalls nicht mit der Aussage aus Thomas Bernhards Roman einverstanden, danke aber, dass es durchaus zu einer größeren Krise führen kann, wenn beispielsweise ein begabter und ambitionierter Pianist eines Tages erkennen muss, dass er niemals so gut spielen wird wie sein Idol. Wer darauf hingearbeitet hat, der Beste zu werden, und sein Ziel als unerreichbar erkennt wird sich vielleicht wirklich als gescheitert betrachten – und aufgeben.

    Die Mehrheit scheint hingegen nicht daran interessiert, der oder die Beste in irgendetwas zu sein. Insofern ist es wohl für die Meisten kein Vabanque-Spiel, sich mit anderen zu vergleichen, es dient vielmehr der Einordnung, was vielleicht weniger drastische, aber dennoch prägende Konsequenzen hat: Wer das eigene Tun hauptsächlich in Relation zu den Leistungen Anderer beurteilt, misst dem eigenen Schaffen keinen unabhängigen Wert bei; Das kann entweder förderlich sein und anspornen oder frustrieren und lähmen.

    In jedem Fall bleiben aber die anderen der Maßstab für den Wert des eigene Handelns: Der Primus und der Schlechteste der Klasse sind gleichmaßen Positionen in einem System, das von jenen dazwischen abhängen; wer sich hierüber definiert ist ihnen insofern ausgeliefert, als seine Identität von ihnen mitbestimmt wird. Der Klassenschlechteste wird vielleicht frustriert sein, der Erste könnte sich bedroht fühlen, wenn ein anderer seinen Platz an der Spitze übernimmt.
    Für sich genommen erweitern beide ihr Wissen in der jeweils eigenen Geschwindigkeit und entwickeln sich gemäß ihren Talenten und Begabungen.

  3. Ich denke auch, dass die Mehrheit der Menschen nicht unbedingt dem absoluten Interesse hinterherjagt, der/ die Beste einer Disziplin zu sein. Dennoch setzt man sich immer wieder in Relation zu anderen, das scheint mir, weit davon entfernt das Ich-Sein auszumachen, dennoch eine zentrale Eigenschaft des Menschen zu sein, auf die positiven und negativen Seiten und Ausformungen habt Ihr hingewiesen. Der Frustration entgeht mensch meiner Meinung nach häufig durch weitere Spezifizierung oder der Verlagerung auf andere Rollen. Das Vergleichen hat ja oft, wie bereits erwähnt, identitätssiftende Funktion. Bemerkt man, dass jemand besser, oder gut, ist dort, wo man gerne ein Bester, oder gut, gewesen wäre, so ist der Ausweg doch oft, sich auf diesem Gebiet leicht in eine andere Richtung zu bewegen um dem direkten Vergleich nicht mehr standhalten zu müssen und sich dennoch weiter messen zu können, bzw. sich weiterhin als besonders (weil firm in einem Gebiet) zu betrachten. Der Pianist würde z.B. zwar tendentiell weiterhin klassische Kompositionen spielen, aber sich auf andere Komponisten "spezialisieren" als derjenige, dem er nacheifert. So behielte er sein Idol (auch eine wichtige Funktion des Vergleichs?!), und könnte doch in seinem kleinen Unterbereich weiterhin ein Guter sein und evtl. ein Bester werden wollen. Frage: Was ist mit den Besten? Kommt nicht irgendwann der Frust, sich nicht mehr vergleichen zu können? Welche Wege der Frustrationsvermeidung bestehen für sie?
    Vorausgesetzt natürlich immer die These, dass das Vergleichen dem Menschen immanent ist.

  4. Ich denke, dass die "ausweichenden Spezialisierung" ebenso eine Möglichkeit darstellt, sich der Frustration zu entziehen, wie die Entscheidung (um beim Beispiel zu bleiben), sich damit zufrieden zu geben "nur" eine/r der Weltklasse-Pianisten/innen zu sein.
    Für ein derart komplexes und dynamisches System wie das Selbstwertgefühl eines Menschen gibt es aber wohl keine endgültigen oder stablien Zustände, weshalb die Frage damit kaum dauerhaft aus der Reflexion verschwunden sein dürfte.

    Darüber hinaus glaube ich nicht, dass der oder die Beste sich außerhalb des allgemeinen Vergleichens sehen, denn es gibt immer einen oder eine Zweite/n, der die eigene Spitzenposition bedroht.
    Ein drastisches Beispiel ist der Apnoetaucher* Loïc Leferme, der im April dieses Jahres bei einem Tauchversuch ums Leben kam, nachdem sein Konkurrent Herbert Nitsch seinen Rekord von 171 Metern eingestellt hatte.
    Die ausgeprägte Konkurrenz, die erheblich zur Dynamik dieses Sports beiträgt, beruht wohl im wesentlichen darauf, dass der Erste von heute immer der potentielle Zweite von morgen ist, also keinesfalls aus dem Vergleichssystem herausfällt.

    Das Verlagern auf eine andere Rolle bietet m.E. nur bedungt eine Lösung, da letztlich auf annähernd jedem Gebiet ein Verlgiech anzustellen ist. Man wechselt insofern nur die Ebene um wieder vor einem identischen Problem zu stehen (insofern es als ein solches empfunden wird).
    Einen Ausweg aus dem allgegenwärtigen Vergleichsystem fände man vielleicht einzig darin, seine Identität über den unabhängigen Wert des eigenen Handelns und die einzigartige Kombination von Rollen, die man selbst trägt, zu bestimmen. Aber neben der Frage, ob damit nicht auch ein wertvoller, motivierender Aspekt des Vergleichens verloren ginge, bliebe zu klären, ob ein derartiges Herausfallen überhaupt möglich ist.

    * Apnoetauchen: Tauchen ohne zusätzliche Luftzufuhr, wie etwa aus Pressluftflaschen. Bei der Extremform des Apnoetauchens erreichen die Sportler Tiefen von mittlerweile über 200 Metern nur mit Hilfe einer Konstruktion, die ihnen einen schnelleren Ab- und Aufstieg ermöglicht, ohne jedoch nach dem Abtauchen noch einmal Luft holen zu können.

  5. Schüler sind die Lehrer des Lehrers…doch will der Lehrer das meistens nicht akzeptieren. Ironischerweise sind Lehrer oft unbelehrbar. Wahre Lehrer sind nur diejenigen, die nicht denken, ausgelernt zu haben, sondern immer noch so wissbegierig sind wie in den Zeiten, in denen sie selbst noch Schüler waren.

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