Eine Rebellion gegen die Vernunft?

In seiner Erzählung „The Imp of the Perverse“ (etwa: Der Kobold des Abnormen) schildert Edgar Allan Poe einen Impuls, eine Neigung, das Falsche zu tun, weil es das Falsche ist. Dieser Drang, den Poe the perverse nennt, entbehrt nicht nur jeder sinnhaften Grundlage, er ist allen Selbsterhaltungstrieben und den Wunsch nach Glück und Wohlergehen diametral entgegengesetzt.
Poe nennt einige Beispiele, um das Auftreten dieses Impulses, etwa den unwiderstehlichen Drang eines Redners, seine Zuhörer durch sein Ausschweifen wissentlich zu langweilen oder eine dringende Aufgabe aufzuschieben, einen wichtigen Termin verstreichen zu lassen – und fasst es zusammen in dem unwiderstehlichen Wunsch, sich in einen Abgrund zu stürzen, an dessen Rand man steht.

Den meisten wird dieses Verhalten mehr oder minder vertraut vorkommen, aber wie erklärt man ein Phänomen, das keinerlei Sinn aufweist, das jeder Vernunft entbehrt und sich nicht als Aufbegehren gegen eine äußere Moral begreifen lässt, sondern sich direkt gegen den eigenen Selbsterhaltungstrieb richtet?

Es wäre sehr einfach, derartige Impulse schlichtweg als krankhaft zu bezeichnen und in den Bereich der Pathopsychologie zu verschieben, aber wie glaubwürdig ist es, dies als Abweichung von einer Norm zu bezeichnen, wenn es zu jeder Zeit und allerorten Belege für derartige Empfindungen gibt und kaum jemand sich als gänzlich frei davon bezeichnen kann?
Nicht ohne Grund ist man von der rational choice-Theorie abgekommen: Es lassen sich nicht alle menschlichen Handlungen rational erklären, die Vernunft ist nicht die einzige und selten die stärkste Kraft des menschlichen Geistes – aber das bewusste Handeln gegen das Gebot der Vernunft schient doch einen Sonderfall darzustellen.

Kann man das genannte Verhalten als Rebellion gegen die Vernunft verstehen? Als Aufbegehren gegen eine innere und als absolut erlebte Moral, die gleichsam einen erheblichen Teil des äußeren Diktates der Rationalität widerspiegelt? Wäre es zuviel der Ehre für ein im Grunde dummes und nutzloses Verhalten, wenn man es als Ausdruck der absoluten Freiheit, der Freiheit von der Ratio verstünde? Oder ist es schlicht eine mehr oder minder milde Form der Geisteskrankheit?

In Poes Erzählung sind es, wie wir später erfahren, die Gedanken eines Mörders in der Zelle, die wir lesen. Eines Mörders, der mit seinem Verbrechen davongekommen wäre – wenn ihn nicht ein unwiderstehlicher Drang befallen hätte, sich der Polizei zu stellen und zu gestehen; Nicht wegen eines Gefühls von Schuld oder wegen einer drohenden Entdeckung… sondern?

10 Antworten auf „Eine Rebellion gegen die Vernunft?“

  1. Das ende von poes geschichte könnte man ja dann doch wieder als drang interpretieren, sich der moral unterzuordnen. es hätte mir, rein in der geschichte, gefallen, wäre die entscheidung wirklich "sinnlos" gewesen ^^

  2. Ich denke, dass man das Handeln gegen die eigene Vernunft durchaus als eine Art Rebellion interpretieren kann. Als Rebellion gegen den Alltag, gegen die Moral, gegen das „Normale“. Aber warum rebellieren wir gegen die eigene Vernunft? Menschen sind nun mal keine vernünftigen Wesen, zumindest nicht in jeder Situation, egal, wie gerne der eine oder andere dies ändern würde (oder wie ungerne er dies zugibt). Wie oft im Leben trifft man Entscheidungen in dem Wissen, dass die Folgen unübersichtlich/falsch/fatal sind? Vielleicht liegt dies u.a. daran, dass es einen gewissen „Kick“ erzeugt, verbotene Dinge zu tun – seien sie noch so sinnlos. Kinder handeln hier offensichtlicher, indem sie die Verbote der Erwachsenen bewusst missachten (und sich damit ausprobieren). Aber auch Erwachsene sind bekanntermaßen nicht frei davon, sonst wäre diese Welt wohl ein wenig friedlicher – und vielleicht auch langweiliger? Wäre jeder Mensch vernünftig, könnte man sein Handeln dann eventuell öfter/immer vorhersehen?
    Ich denke, selbstzerstörerische Handlungen entstehen nicht allzu selten aus Langeweile heraus. Es scheint Menschen zu geben, die lieber Schmerzen fühlen, als Leere. Denn Leere bedeutet quasi nicht mehr existent zu sein. Und wer wünscht sich das schon?

  3. Dass der Mensch nicht allein von der Vernunft gelenkt wird, ist sicher unbestreitbar. Aber die Mehrzahl der unvernünftigen Entscheidungen entstehen m.E. doch aus sehr guten "Gründen", aus Liebe etwa, aus Freundschaft, aus einer inneren Abneignung heraus oder schlicht aus Trotz. Das sind allesamt emotionale Motivatoren, die das Gesetz der Vernunft außer Kraft setzen können, ohne jedoch völlig absurd zu sein. Zumeist wird man derartige Handlungen auf dieser Ebene nachvollziehen können, wenn man sie auch unvernünftig findet.

    Interessant finde ich die Nähe von Moral und Vernunft: In unserer sehr rationalen, funktionalen Gesellschaft scheint sich Moral nicht nur auf der Handlungsebene zu manifestieren, sondern auch die Ebene des Denkens zu bestimmen. Gibt es (fern der Wissenschaft) ein "richtiges" und ein "falsches" Denken, Schließen und Entscheiden?
    Natürlich gibt es Toleranzbereiche ("Sie/Er benimmt sich zwar unvernünftig, aber so sind Verliebte nunmal"), aber insgesamt scheint mir auch das Denken entgegen der Vernunft sanktioniert zu werden.
    Berechenbarkeit des Handelns (als Folge des Denkens) scheint mir hierbei ein wichtiger Punkt zu sein, schließlich sind wir darauf angewiesen, unserem Gegenüber eine ungefähre Erwartung entgegen zu bringen, denn wie sollte die Gesellschaft funktionieren, wenn wir bei jedem Menschen, dem wir begegnen, erst einmal mit angehaltenem Atem abwarten müssten, ob er uns gleich um den Hals fällt, ein Messer zieht oder uns gar nicht erkennt?

    Wennn aber die äußere Moral, gegen die zu rebellieren die traditionelle Pflicht der Jugend ist, auch die Weise des Denkens miteinschließt, so wäre Unvernunft im Denken nichts wesentlich anderes, als die Ge- und Verbote der Gesellschaft (der Erwachsenen), die das Handeln betreffen, zu übertreten.

  4. Dass Menschen, die emotional handeln, keine Vernunftwesen sind, möchte ich auf keinen Fall bestreiten. Hier kann man m.E. aber auch eine Art Zwang feststellen, von freiem Willen bzw. einer freien Entscheidung ist hier wohl nicht auszugehen, vielmehr gleicht das Verhalten eher desjenigen eines Zwangsneurotikers: Man sieht in dem Moment gar keine andere Möglichkeit, also genau so zu handeln (wie selbstzerstörerisch/irrational die Handlung auch sein mag), wie man es schließlich tut. Wie viele Menschen haben aus Wut, Eifersucht etc. schon so merkwürdig agiert, dass sie später nur noch den Kopf schütteln und sich fragen konnten, welcher Teufel sie in diesem Augenblick geritten hatte.
    Um aber noch einmal auf das Buch (das ich leider auch nicht kenne) zurückzukommen vermute ich bei der Hauptperson keine emotionalen Motivationen für ihr Handeln. Wo wir wieder bei der Frage wären, warum Menschen bewusst selbstzerstörerisch handeln. Vielleicht ist es ja doch die Langeweile, die einen treiben kann. Dabei muss man nicht gleich zum messerstechenden Übeltäter werden, aber sich eine kleine Gemeinheit zu leisten und dabei den inneren Schelm lachen zu hören –wer kennt das nicht? Wären alle Menschen reine Vernunftwesen, bräuchten wir auch keine Gesetze, oder? Natürlich sind wir keine Tiere und unsere Erziehung trägt vermutlich einen nicht geringen Teil dazu bei, unseren Gerechtigkeitssinn zu prägen, wir lernen, was falsch und was richtig sein soll. Aber da diese Welt voll ist von Verrückten (im positiven wie im negativen Sinne), scheint die Moral wenn überhaupt nur einen Teil des Verstandes zu sanktionieren. Wobei ich wieder von der ursprünglichen Fragestellung abgekommen wäre und mir somit ein kluger Schluss fehlt 

  5. Vielen Dank für die vielen interessanten Fragen: Wenn ich deinem Gedankengang folge und feststelle, dass Menschen, die unter einem starken emotionalen Einfluss stehen, sagen wir jemand ergibt sich ganz seinem Zorn, ein anderer ist eifersüchtig, nicht frei sind, dann läge die Freiheit darin, dass man sich für oder gegen die Handlung entscheiden kann, die sich einem gerade aufdrängt.
    Wenn aber nur die Vernunft, also ein Abwägen von nützlichen, wünschenswerten Folgen einerseits und eventuellen negativen Konsequenzen andererseits, bestimmt, was wünschbar ist und was nicht – dann sind wir Sklaven der Vernunft und eben nicht frei, weil (eine konstante Bewertung der Folgen vorausgesetzt) ich nur zu einem Ergbnis kommen kann.
    Wer folglich allein der Vernunft folgt ist ebensowenig frei, wie derjenige oder diejenige, der/die ganz Emotion ist, ganz Eifersucht oder Wut… Freiheit wäre dann in diesem Sinne nur möglich, wenn ich sowohl die spontane, emotionale Reaktion reflektieren kann, als auch eine Vernunftentscheidung nicht umsetzen muss.

    In Poes Erzählung geht es allerdings wirklich um den Sonderfall, dass jemand das Falsche um des Falschen Willen tut und nicht etwa weil er wütend, eifersüchtig oder dergleichen ist.
    Wenn wir den beschriebenen "Imp of the Perverse" tatsächlich eine Folge der Langeweile verstehen, wäre das Problem damit noch nicht gelöst, wie mir scheint, denn der Zustand der Langeweile ist kaum zu beschreiben (?) und somit hätten wir die Frage nach der "Ursache" nur ein Stück weiter in den Nebel geschoben. Sinnlos wäre die Handlung nach wie vor…

    Ob wir tatsächlich keine Gesetze bräuchten, wenn wir alle reine Vernunftwesen wären, möchte ich stark anzweifeln. Das setzt entweder voraus, dass zugleich alle äußerst moralisch (in unserem abendländischen "Was du nicht willst… -Sinne") denken und handeln, oder aber das Paradigma der Wirtschaft, dass die Gier des Einzelnen zum Wohle aller beiträgt, zutrifft. Beides halte ich für nicht gegeben. Wenn mir ideelle Werte wie etwa Gerechtigkeit und Gleichheit nichts bedeuten, wäre es vernünftig, über Leichen zu gehen, um zu bekommen, was ich will, sofern ich keine Sanktionen fürchten muss.
    Wir werden zwar hierzulande dazu erzogen, Gerechtigkeit u. dergl. als Werte zu verinnerlichen, aber ich möchte dorch stark anzweifeln, dass ohne die Furcht vor Strafe das allein ausreichen würde, um eine Gesellschaft zu stabilisieren – selbst wenn man ausschließen könnte, dass Verbrechen aus einem Affekt heraus geschehen (wovon ich annehme, dass es ohnehin die Minderzahl ist).

  6. Das kommt alles darauf an, wie man Vernunft definiert.
    Man kann Vernunft bspw. nicht mit gut gleichsetzen.
    Und warum sollte es nicht vernünftig sein, sich selbst zu zerstören, sich selbst zu schaden?
    Wenn Vernunft mit bspw. Selbsterhaltungstrieb gleichgesetzt wird, so ist das Handeln gegen den Selbsterhaltungstrieb darum noch nicht unvernünftig. Was wäre denn, wenn der Mensch gar nicht vom Selbsterhaltungstrieb gleitet wäre? Und warum sollte eben Selbsterhaltung vernünftig sein?
    Vielleicht ist der Mensch ja, wie Nietzsche das meint, nicht vom selbsterhaltungstrieb, sondern von einem "Willen zur Macht" gesteuert.

    Es kommt also vorallem darauf an, was wir als vernünftig betrachten; meistens beschränkt sich aber wohl das Verständnis von Vernunft auf Zweckrationalität oder Nutzenmaximierung bzw. das Handeln nach den anerkannten Normen etc. (nur weil es Strafen gibt.)

  7. Ist der Drang zum Abnormalen denn ebenso der Drang, Unvernünftiges zu tun? Also ist das Perverse in Poes Erzählung denn denn gleichsam das Unvernünftige? Tom hat es erstmal mit dem Unsinnigen gleichgesetzt.
    Könnte man es nicht auch mit dem Unangemessenen gleichsetzten? Wir haben mal in kleiner Runde ein Spiel gemacht, dessen Regel nur darin bestand, auf einen Begriff assoziativ und so schnell wie möglich einen anderen Begriff zu sagen – und dann war der nächste dran. Es hat sich herausgestellt, dass die meisten die Begriffsassoziation im Umkreis des semantischen Feldes fanden (etwa: Bier-Schaum). Einigen kamen aber auch ganz abstruse Begriffe in den Sinn, die augenscheinlich nichts mit diesem Begriff zu tun hatten (Bier-Fahrrad). Ich könnte jetzt sagen, es ist pervers, so zu assoziieren. Denn es ergab im Rahmen der ungeschriebenen Assoziationsregel (bleibe im semantischen Feld) keinen Sinn. Man könnte aber auch sagen, es war kreativ…

  8. So ist das, wenn man nicht richtig liest. Es kommt ja der Abgrund noch ins Spiel…
    Ich würde denken, dass dieser Drang, sich in den Abgrund zu stürzen, vor dem man steht, eben erstmal damit zu tun hat, dass man diesen Abgrund erfährt. Es müsste eben schon eine gewisse Ahnung von Sinnlosigkeit vorhanden sein, der man sich ausgesetzt fühlt (der Mörder hat erkannt, dass seine Tat auch einen zutiefst sinnlosen Anteil hat – wenn er sich etwa in sein Opfer hineinversetzt).
    Man könnte den Gedanken auf den Redner übetragen, der seine Hörer absichtlich langweilt: Er merkt gerade, dass ihm die Zuhörer entgleiten und er weiß, dass sein Manuskript nichts auflockerndes hergibt und er als Typ kein Entertainer ist – es ist aussichtslos, hier etwas zu retten. Seine weiteren Handlungen bekommen vor diesem Hintergrund schonmal die Qualität tendenziell sinnloser Handlungen. Demnach ist es egal…

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