Was normal ist, das sehen wir meist auch als das Natürliche an. Die Abweichung hiervon ist abnormal. Wir sehen das als natürlich an, was uns in der Mehrzahl der Fälle begegnet, von dem wir die Erfahrung gemacht haben, dass dies bei den meisten Menschen so ist. Wo es abweicht, wird auch schon einmal von unnatürlichen oder krankhaften Abweichungen gesprochen, die korrigiert werden sollten. So wird aus der Beobachtung, dass etwas meistens so und so ist, eine normative Vorstellung, dass etwas so und so zu sein hat, weil es in der Natur des Menschen liegt.
Besonders im Bereich des sozialen Verhaltens ist dieser Umkehrschluss nicht unproblematisch. Schön zu sehen am Beispiel des historischen Frauenbildes. Die Frau war dem Manne untergeordnet. Das war die beobachtete Situation durch Jahrhunderte hindurch. Diese Beobachtung wurde dann mit der strikten Regel verbunden, dass sie das natürlicherweise zu sein habe und eine Frau, die dies nicht akzeptieren wollte, wurde im Allgemeinen als Wahnsinnige betrachtet.

Hier hat die Öffentlichkeit mittlerweile ihre strikten, durch die Natur scheinbar legitimierten, Normen aufgeweicht und dem einzelnen Menschen dadurch mehr Freiheit gegeben, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Aber hier, wie auch in vielen anderen Bereichen, werden traditionelle Vorstellungen immer wieder mit dem Argument des natürlichen Wesens des Menschen begründet und so scheinbar jenseits jeder Diskutierbarkeit gestellt. Tiefpunkte solcher normativ-natürlichen Argumentationen sind z.B. Bücher wie „Warum Männer nie zuhören und Frauen nicht einparken können“, in denen mit scheinbar wissenschaftlichen (aber tatsächlich nicht nachgewiesenen) Argumenten „bewiesen“ und „erklärt“ wird, dass es ganz natürlich sei, das Männer nicht gerne zuhören -und falls es doch einer tut, ist er „biologisch“ gesehen, einfach kein richtiger Mann und kann durch Spott (als soziale Sanktion) wieder auf den richtigen, natürlichen Weg gebracht werden.

4 Antworten auf „“

  1. Was ist schon normal?

    Hab auch schon oft über dieses Thema nachgedacht! Deswegen kommt das Wort "normal" bei mir eben nur in Anführungszeichen vor oder eben gar nicht!

    Wie wäre die Welt wenn alles nur "nomal" ist??? Wahrscheinlich ziemlich langweilig!

  2. Ich sag ja: Wir Männer werden unterdrückt! ^^ Oder hat schonmal jemand nen Männerparkplatz gesehn? Nein! Und ich hab mir sagen lassen, dass es sogar verboten is sich als Mann auf einen Frauenparkplatz zu stellen, weil die ja dafür da sind, dass die armen schwachen Frauen es nich weit bis zum Eingang haben und nich weggefangen werden können. Aber haben wir nicht schon seit Jahrzehnten Gleichberechtigung? o_O

    Scherz beiseite… Es ist leider so, dass der Mensch Worte zweckentfremdet. "Natürlich" heißt ja "der Natur entsprechend", nur, dass bereits die Eingrenzung von "Natur", also z.B. "Natur des Menschen" schon nichts mehr mit "Natürlich" zu tun hat, da die Natur selbst alles um uns herum ist – der Mensch macht lediglich den Fehler sich von seiner Umwelt losgelöst betrachten zu wollen und das obwohl er selbst Teil dieser ist.

    Was die Natur vorzeigt, das ist natürlich. Was der Mensch aus seinem eigenen Verhalten ableitet ist das keineswegs, als mehr ne Rechtfertigung für das selbe, weil er sein Gewissen beruhigen muss 😉

  3. Selbst die Abnormiät gehört mit zur Normalität,
    Seblst, dass es einige gibt die scheinbar aus der Reihe tanzen halte ich fü völlig normal.
    Solch ein Gespräch führt zu nichts anderem als einer Begriffsdefinition, in diesem Fall dem Wörtchen: normal.
    Man könnte auch frei einmal mehr definieren. Sinnlos.

    Dennoch hat Sonja natürlich völlig Recht mit ihrer Meinung, dass Werte sich wandeln. Heute sind Frauen gleichberechtigt. Wir halten es für gut, ich würde angeriffen vertrete ich das Gegenteil.
    Manch eine Kultur empfand Selbstmord einst ehrbar (samurai) heute ist es verpöhnt…

    Doch das

    "..die Öffentlichkeit mittlerweile ihre strikten, durch die Natur scheinbar legitimierten, Normen aufgeweicht und dem einzelnen Menschen dadurch mehr Freiheit gegeben, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten…"

    ist auch nur richtig , wenn wir uns nach den derzeitig geltenden Normen zu richten trauen.

    wie auch immer und trotz aller Kritik,
    wir werden wohl immer "innen" stehen, wenn wir uns norm.al
    verhalten
    und "außen" bleiben, wenn wir es mal nicht sein können.
    Dieses ist leichter,
    Jenes schwerer.

  4. Hallo! Kann man "Kultur" und "Natur" trennen? Ich glaube schon, dass Menschen die Kultur, in der sie leben, in einem prozesshaften Geschehen derart tief in sich selbst integrieren, dass man es als "natürlich" begreifen kann auf eine Weise. Als Wechselwirkung eben. Ich meine jetzt nicht Einparken oder Zuhören, sondern einfach die Identität, die einen Menschen zusammensetzt zu dem was ihn ausmacht und sein Wesen irgendwie formt (falls das so oder so ähnlich ist). Zum Beispiel frage ich mich ziemlich oft, ob diese tolle Angelegenheit, in Ursache – Wirkungs- Zusammenhängen nicht nur zu denken, sondern auch wahrzunehmen oder zu fühlen – zu "sein" eben- eine "natürliche" Art des Menschen ist. Oder auch Widerspruchsfreiheit – wir hier empfinden wohl Paradoxe als störend und nehmen sie als solche wahr- zB in Teilen der indischen Gesellschaft sieht das alles glaube ich etwas anders aus. Was ist nun natürlich? Und was kulturell? Daher finde ich die Überschrift ziemlich treffend … Geschlechterfragen in dem Kontext beantworte ich für mich ähnlich… Gruß!

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