Kopernikanische Charaktere gesucht

Über den Glauben an die Wissenschaft haben wir bereits diskutiert.
Heute geht es mir mehr um seine Ursachen und Wirkung:

Etwas erklären zu können, wirkt ungemein beruhigend. Wenn wir etwas verstehen gibt uns das Sicherheit und eine gewisse Macht darüber. Je mehr die Menschen in ihrer Geschichte über ihre Umwelt gelernt haben, umso weniger mussten sie sich davor fürchten. Nicht von ungefähr gründeten die Menschen in der Antike ihr Weltbild auf die Vorstellung einer Gesellschaft von Göttern, die ebenso rachsüchtig, eifersüchtig, zerstritten und launisch waren wie die Menschen selbst es sind. Es liegt etwas Unberechenbares in dieser Idee, und dies entspricht auch der damaligen Welterfahrung, ein Gewitter, ein Vulkanausbruch, ein Erdbeben – erschreckende Ereignisse, die heute zwar nicht völlig ihren Schrecken verloren haben, denn schließlich sind wir auch heute noch weitgehend machtlos gegen sie, aber wir verstehen, wie sie entstehen und können sie weitgehend vorhersagen. Eine Sonnenfinsternis, die damals wohl noch die meisten Menschen in Angst und Schrecken versetzt hat, kann heute auf die Minute genau vorhergesagt werden und auch das Auftauchen eines Kometen am Nachthimmel wird eher als ein zu bestauntes und erwartetes Spektakel, denn als ein unheilvolles Zeichen für den Unmut der Götter gesehen.

Doch so viel wir auch verstehen und so sehr uns die Wissenschaft von der scheinbaren Willkür des Olymps befreit hat, so deutlich wird aus ihren Erkenntnissen, wie wenig wir die erhabenen Herren der Schöpfung sind. Man gestatte mir einige wenige Zahlen zur Veranschaulichung heranzuziehen:

Es ist landläufig bekannt, dass die Sonne für uns aufgeht, weil die Erde sich dreht. Tatsächlich rasen wir in unseren Breiten mit etwa 1000 km/h um die Erdachse, je näher man dem Äquator kommt, umso höher ist entsprechend zum Erdumfang die Geschwindigkeit, die faktisch die Schallgeschwindigkeit überschreitet.
Doch auch an den Polen, die im Bezug auf die Erdrotation räumlich still stehen, wäre es übereilt von einem Ruhe zu sprechen: Erweitern wir unseren Bezugsrahmen auf unser Sonnensystem, stellen wir fest, dass wir uns mit ca. 17.000 km/h um die Sonne bewegen.
Hinzu kommt die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Universums, die nicht genau zu beziffern ist, von der jedoch angenommen wird, dass sie gegenwärtig zunimmt.

Wer möchte angesichts eines derart unvorstellbaren und rasenden Taumels durch ein Universum, dessen Ausmaße, Ursprung und Natur uns nach wie vor unbegreiflich sind und vielleicht auch bleiben werden, noch von einer gefühlten Sicherheit durch Erkenntnis sprechen?

Die Welt unseres alltäglichen Erlebens hat die Wissenschaft für uns greifbarer und handhabbar gemacht, doch sie hat ebenfalls immer neue Kontexte geschaffen, in welchen wir uns verorten müssen: Die Erde, das Sonnensystem, diese Galaxie, das Universum – von der Unmöglichkeit eine konsistente Theorie für die subatomare Ebene zu finden ganz zu schweigen.

So stehen wir, damals wie heute, ohnmächtig und verloren inmitten einer unbegreiflichen Welt und schaffen Mythen und Theoreme, um uns zumindest die Illusion zu erhalten, wir wären ein wichtiger Teil eines größeren Ganzen.

Anmerkung: Der Titel dieses Artikels ist der eines Gedichts von Erich Kästner, dem ich die Idee zum Artikel verdanke. Nachzulesen beispielsweise in Kästner, Erich: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte. München/Wien: Hanser, 2003
Grundlage der genannten Zahlen sind verschiedene Artikel von Wikipedia und Fachseiten. Sie sind samt und sonders von mir umgerechnet und gerundet.

5 Antworten auf „Kopernikanische Charaktere gesucht“

  1. Es ging mir darum, darzustellen, wie sich zwar die Nahwelt des unmittelbaren Erlebens durch die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse in eine weitgehend Beherrschbare gewandelt hat, zugleich aber der Bezugsrahmen gewachsen ist und wir, an den Maßstäben der individuellen Erfahrbarkeit gemessen, ebenso klein, unbedeutend und ohnmächtig sind wie zuvor, wenn nicht sogar in noch größerem Maße.

    Mir schien der Maßstab der Geschwindgkeiten auf kosmischer Ebene zur Veranschaulichung einerseits gut geeignet, zum anderen nicht so abgegriffen, wie etwa die Größenverhältnisse oder die Zeit. Mag sein, dass ich darin fehl ging.

  2. Wenn du das so genau im Text geschrieben hättest, wäre es zumindes für mich einleuchtend gewesen. ich habe mir gedacht, dass du in diese richtung gehen willst, war mir aber nicht sicher und wollte deshalb nachfragen. Muss mir mal das Gedicht von Kästner besorgen, ist wohl keine neue Idee aber ein schöner erweiternder Aspekt.

  3. Sehr schön finde ich das. Vor allem die Unmöglichkeit der Selbstverortung in diesem Bezugsrahmen. Hierzu Eco’s Beschreibung des Foucaultschen Pendel, das diesen festen Ort scheinbar wiederherstellt, aber eigentlich nur das Begehren danach zum Vorschein kommen lässt.

  4. mir gefällt dein Geschwindigkeitsvergleich….. vielleicht liegen wir überhaupt ganz falsch, vielleicht ist die wissenschaftliche realität von Raum und Zeit nur eine Illusion unseres Denkens und es bewegt sich im Universum gar nichts………
    Was ist Zeit? Mathematisch betrachtet ist sie der Unterschied zwischen jetzt und z.B. dem 1.1.2006 oder dem 1.1.2060.
    Tatsache ist, das der 1.1.2006 gar nicht mehr existiert. Existieren tut einzig allein meine Erinnerung an diesen Tag.
    Der 1.1.2060 existiert allerdings noch nicht. Es existiert meine Vorstellung von diesem Tag in meinem Kopf.
    Vergangenheit und Zukunft ist daher nicht mehr oder noch nicht existent. Was existiert aber dann? Nur jetzt, und immer nur jetzt – die unendliche Gegenwart. Ohne Zeit! Und ohne Zeit gibt es auch keine Geschwindigkeit!
    Siehst du wie unser Verstand unser Denken uns betrügt?
    Daher: versuchen wir es mal ohne Denken – aus Liebe zur Weisheit.

Schreibe einen Kommentar