Auch unter jenen, die eher dem Fernsehen zugeneigt sind, hält sich ein diffuser Respekt vor dem Medium Buch. In einer Bibliothek wird geflüstert, wie in einer Kirche. Ein Zimmer, das viele Bücher beherbergt flößt zunächst einmal einen gewissen Respekt ein. Belesenheit wird landläufig für eine Tugend gehalten.
Natürlich gibt es gute und schlechte Bücher, solche, die eine Weile Zerstreuung bieten, und jene, die den Leser verändert und bereichert zurücklassen. Einige flößen Angst ein, etwa weil man gehört hat, es sei sehr anspruchsvoll oder gar „unlesbar“; andere meint man ungelesen als Trivialliteratur oder Schund beurteilen zu können.
Es gibt alle möglichen Arten von Bestseller-Listen und leider auch heute noch verbotene Bücher. Die Literaturwissenschaft gibt sich die größte Mühe, einen Kanon von Büchern zu erstellen, welche man (zumindest als Literaturwissenschaftler) gelesen haben muss. Einige davon werden in den Schulen von mäßigen Pädagogen dazu benutzt, jede Begeisterung für Literatur noch vor ihrer ersten Blüte mitsamt der Wurzel auszureißen. Ich selbst glaube, meine Liebe zu den Büchern trotz meines Deutschunterrichts entwickelt zu haben und zucke heute noch zusammen, wenn jemand Effi Briest erwähnt.

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Bernard Shaw wird mit der Frage zitiert,
wie man denken könne ohne Bücher?
Diese Frage ist infam und spiegelt zugleich eine verbreitet Haltung wider: Wer die richtigen Bücher liest wird weise, die falsch oder gar der Verzicht auf jede Lektüre führt zu tumber Gedanken- und Geistlosigkeit.

Dennoch ist es nur allzu leicht Menschen zu finden, die trotz ausgesuchter Lesekultur keinen Funken Geist aufzuweisen scheinen, und andererseits passionierte Harry Potter-Leser, deren Auffassungen und Gedanken ohne Zweifel philosophieseminartauglich wären.
Michel de Montaigne hingegen nennt seine Bücher die beste Wegzehrung für die Lebensreise und fühlt sich durch den Gedanken, dass sie bei ihm sind unsäglich beruhigt und geborgen. Für ihn sind sie ein Trost in der Einsamkeit, eine Befreiung von der Last der Langeweile und eine geduldige und nachsichtige Lebenshilfe.

Es wäre wohl schon einiges damit getan, einen zwanglosen und freundschaftlichen Umgang mit den Büchern im Sinne Montaignes zu kultivieren, statt diese als überdimensionierte Plastiken auf den Plätzen zu stapeln, um zu demonstrieren, dass die Deutschen noch immer das Volk der Dichter und Denker sind.

6 Antworten auf „“

  1. Müssen es immer die schlechten Pädagogen sein? Ich habe meine Liebe zur Literatur gerade wegen des Deutschunterrichts entwickelt und auch wenn es nicht in deinem Text steht, so wirkt es doch, als sei der mäßige Pädagoge sehr weit verbreitet (zumindest wirkt es so auf mich).

    Hierzu vielleicht zwei Dinge, zum einen ist in fast allen Bundesländern der Lehrplan inzwischen sehr eng und restriktiv gestaltet, so dass explizit zu lesende Werke aufgeführt sind. Es gibt dort also keine Bewegungsfreiheit. Desweiteren ist es auch immer ein subjektives Empfinden, Theodor Fontane wird von Schülern nicht zwingend negativ erlebt. In der Tat begleitete ich für ein paar Wochen zwei Fontane Klassen, die sich intensiv mit dem Autor und seinen Werken auseinander setzten, in beiden Klassen herrschte mehr Interesse als Desinteresse vor. Und wo der eine bei Büchner oder Frisch aufblüht, zuckt er vielleicht bei Fontane zusammen – aber dafür kann Fontane nichts.

    Gerade im Hinblick auf das Zentralabitur wäre schon interessant, welche Bücher gelesen werden sollten, wenn nicht jene aus einem gewissen Kanon? Der Pädagoge muss sich darauf verlassen, dass der Literaturwissenschaftler mit Lehrstuhl, sich entsprechende Mühe beim Erstellen des Kanons gab. Man mag die Kanonisierung argwöhnisch betrachten, es gibt eine Menge gute Argumente dagegen und dafür, aber im schulischen Bereich ist es ein wichtiges Hilfsmittel.

  2. Natürlich wolle ich nicht den Eindruck vermitteln, dass a) Theodor Fontane ein durchweg schlechter Autor sei (zumal ich das nicht beurteilen kann, da ich praktisch nichts von ihm gelesen habe), oder b) es in diesem Land keine engagierten und guten Lehrer gäbe.

    Meiner nicht repräsentativen Privatmeinung (die auf meinen eigenen Erfahrungen und wenigen "Erfahrungsberichten" beruht) nach ist aber z. B. der Typus des alternden Lehrers, der mit angestaubten Methoden "klassische" Werke an junge Menschen herantragen will, durchaus ein bekanntes Phänomen an deutschen Schulen.
    Auf der anderen Seite hatte ich auch wirklich hervorragende Lehrer, welchen es gelungen ist, mich und Andere für ihren Stoff zu begeistern und Neugier zu wecken.

    Aber ich habe eigentlich nicht auf eine Schulsystemkritik abgezielt; vielleicht war der Gedanke zu vage formuliert…

    Das Bild (siehe Artikel) stellt es m. E. ungewollt hervorragend dar: Der riesige Bücherstapel (übrigens eine der Skulpturen des ‚walk of ideas‘ im Windschatten der WM) überragt den Betrachter um ein Vielfaches. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als zu den großen Werken aufzusehen. Lesen kann er sie nicht.

    Dies spiegelt eine Auffassung von Hochkultur, die zwangsläufig Berührungsängst weckt, und deren Grundstein an den Schulen, also dort, wo wohl die Meisten zum ersten Mal mit "großer" Literatur in Kontakt kommen, gelegt wird.

    Kanonisierung ist notwendig und ich bin auch kein Anhänger der Idee, Harry Potter in der gymnasialen Oberstufe lesen zu lassen, aber es gibt keinen Grund für die Kultivierung eines derart Verkniffenen Umgangs mit Literatur.
    In den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts wurde seitens einer pop-literarischen Strömung der Vorwurf laut, die Literatur sei zu lebensfern.
    Das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen: Es liegt vielmehr an der Rezeption, die hierzulande kultiviert wird.

  3. wäre es nicht sinnvoller, du fändest für dich selbst heraus, was bücher für dich sind oder vielleicht sein sollen, statt die diversen positionen darzulegen, dich hinter unpersönlichen formulierungen zu verstecken (kanonisierung ist notwendig, die auffassung der hochkultur) ich stelle mir vor, dass kinder, unbefangene leser diese bücherleiter erklettern und sich dem himmel näher fühlen oder eigene bücherstapel errichten.
    vielleicht muss man schon kindern einen unbefangenen umgang mit literatur vermitteln, die sich dann "verstaubten" lehrern entgegenstellen. vielleicht warten die (angeblich) verstaubten auch nur auf schüler, die interesse an literatur haben, die sich mit ihnen auseinandersetzen wollen, die bereit sind sich auf fremdes – auch in form von literatur – einzulassen. die nicht einfach nur in ruhe gelassen werden wollen.
    für mich sind bücher freunde, lebensbegleiter, die ich nicht missen möchte!

  4. Doch, Du hast schon recht-Lehrer ist mehr Berufung als Beruf und leider studieren zuviele auf Lehramt, die in anderen Fächern versagten…doch den Grundstein des Lesens,die Liebe zu den Büchern wird viel, viel früher gelegt.Jedes Kindergartenkind sollte schon einen Büchereiausweis bekommen! Ich habe schon erlebt das in einer 6. Klasse nur ein einziges Kind einen solchen Ausweis für die städtische Bücherei hatte! Ja, dann ist es wirklich schon zu spät. Lesen ist eine Kulturtechnik, die man sich mühsam erarbeiten muss, und es macht erst wirklich Spaß, wenn es fließt. das ist ein Verdienst der Harry Potter Bücher, das viele sich das erste Mal durch ein paar hundert Seiten gelesen haben. Und so hat auch Triviallitertaur ihre Berechtigung-schult sie doch auch das Vorstellungsvermögen.
    LG!

  5. Nun, bei den ganzen neuen Studienordnungen bin ich nicht mehr auf dem Laufendem, aber ein Blick in die Magister- und Staatsexamensordnungen zeigt, dass die Berechtigung zum Lehramt am Gymnasium zumeist mit bedeutend mehr Aufwand und Prüfungen verbunden ist, als der jeweilige Magisterstudiengang.
    Woher stammen denn überhaupt die Daten, dass jene in "anderen Fächern" (ja, welche eigentlich?) versagen würden? Das klingt mir – mit Verlaub und entschuldige bitte (ich möchte dir tatsächlich nicht zu nahe treten und muss es dennoch sagen) – doch etwas nach Stammtisch.
    Vielleicht magst Du deine Position erklären?

  6. O entschuldige, ich werde mich korrigieren. Es war undifferenziert ausgedrückt, und es ist auch nur subjektiv wahrgenommen und nicht datengestützt. Ich habe überraschend viele Studenten erlebt, die in ihrem Studienfach (meist geisteswissenschaftlich) nicht zurecht kamen und sagten: Dann studiere ich eben auf Lehramt! Warum sie nun dachten, dies sei leicher, blieb für mich verborgen,auch, ob es Lehramt an Gymnasien sein sollte.
    Und doch bin ich der Meinung, das der "mäßige Pädagoge" recht weit verbreitet ist, wenn ich Dich hier zitieren darf. Natürlich, ohne das Studium entsprechender Untersuchungen kann dies nur ein subjektiver Eindruck sein, der sich aus einer eigenen, verschlungenen Schullaufbahn und immerhin schon zwei durch die Schulzeit begleiteten Kindern inklusive des Austausches mit anderen Eltern speist.
    Wobei ich nicht behaupten will, dies liege nun ausschließlich in der Verantwortung der Pädagogen selbst.
    Das viele Kinder zuwenig Umgang mit Büchern haben liegt wohl eher daran, das der Fernseher ein besserer Babysitter ist (achtung-stammtisch 😉
    Grüße

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