Viele Philosophen haben nichts aufgeschrieben und von anderen, die etwas von ihrer Lehre niedergeschrieben haben, ist nichts erhalten. Ohne Zeugnisse, die von der Person selbst stammen, ist der heutige Mensch auf die Schriften von anderen verwiesen, die etwas über die Person aufgeschrieben haben.
Schopenhauer geht genau auf dieses Dilemma am Paradigma des Sokrates ein. (1) Sokrates hat selbst nichts niedergeschrieben und abgesehen von den Überlieferungen der sokratischen Lehre durch Platon sind nicht viele weitere Berichte vorhanden. Die Frage die sich hierbei stellt ist offenbar: Wie nahe an der wirklichen Person liegt die Überlieferung? Schopenhauer bemerkt, in seiner typischen Manier, dass nach Berichten Sokrates einen Bauch gehabt haben soll und dies nicht das Abzeichen eines Genies sei.
Doch man muss bei Weitem nicht so polemisch werden, in der Tat können wir nicht wissen, ob uns Platon einen stark idealisierten Sokrates präsentiert, der nicht mehr viel Berührungspunkte mit dem Original hat, oder nicht. Man kann freilich darüber nachsinnen, wie wahrscheinlich das Eine oder Andere ist, aber wissen werden wir es wohl niemals. Dies gilt, wie gesagt, für alle Philosophen, die selbst nichts niederschrieben, oder über die nicht ausreichend voneinander unabhängige Überlieferungen durch Andere existieren.
Es schadet gewiss nicht, sich über der Lektüre eines frühen platonischen Dialogs (2) ein wenig den Zweifel vor Augen zu halten, in welcher Weise Platon uns Sokrates überliefert hat und ob es einen derart überlieferten Sokrates jemals gab.

(1) Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Fragmente zur Geschichte der Philosophie. Hrsg. von Frhr. v. Löhneysen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, o.J. (= Sämtliche Werke, Bd. IV). §3
(2) Die frühen platonischen Dialoge werden häufig als unverfälschte sokratische Philosophie angesehen, wobei die späteren als platonische Philosophie gelten. Diese Zuordnungen und Wertungen sind jedoch nicht immer ganz unproblematisch.

2 Antworten auf „“

  1. die frage ist nun eher, ob es für die denkgeschichte so wichtig ist, wie zb der historische sokrates war. die wichtigen gedanken, die es seither gibt, egal von wem gedacht, sind da. das ist es was für die philosophie zählt, aber natürlich wäre es geschichtlich spannend mehr von den personen zu wissen.
    aber für die philosophiegeschichte ist es egal ob nicht vielleicht heraklit doch ein menschenfreund war…

  2. Für die Denkgeschichte im Sinne einer denkgeschichtlichen Entwicklung mag es nicht besonders von belang sein, denn die Entwicklung ist vollzogen. Für die von uns heute betriebene Philosophiegeschichte ist es hingegen wiederum interessant. Inwiefern diese von uns rekonstruierte Philosophiegeschichte von Belang für die Philosophie als Ganzes (und zukünftiges) ist, wage ich nicht so einfach zu beurteilen.
    Aber im Groben würde ich Dir dennoch zustimmen, wenngleich der Artikel nicht darauf abzielte, die historische Problematik als Problematik der philosophischen Aussagen darzustellen, sondern nur die historische Problematik darstellt.

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