Wie viel Ungleichheit ist noch gerecht?

Im Januar ging es in dem Dunkelraumartikel »Die Welt ist nicht gerecht…« um Gerechtigkeit, oder vielmehr unser Empfinden für und von Ungerechtigkeiten. Am vergangenen Sonntag gab es in der Schweiz einen Volksentscheid mit großem Medienecho, der eng mit dieser Frage verknüpft ist: Wie viel Ungleichheit finden wir noch gerecht – und mit welcher Begründung akzeptieren wir, dass Wenige viel und Viele wenig haben?

Bei dem Plebiszit ging es konkret darum, Gehälter, Boni und Sonderzahlungen für Manager zu beschränken, indem direkter als bisher von den Aktionären des jeweiligen Unternehmens entschieden werden soll, was angemessen ist. Kaum stand fest, dass sich in der Abstimmung 68% der Wähler für eine solche Regulierung ausgesprochen hatten, herrschte bei deutschen Politikern aller Couleur ungewohnte Einigkeit darüber, dass eine entsprechende Regelung auch in Deutschland wünschenswert wäre. Der Grund hierfür war wohl die zutreffende Einschätzung, dass auch hierzulande eine Mehrheit der Bevölkerung die gegenwärtige Praxis für »Abzockerei« hält, wie der offizielle Titel des Bürgerbegehrens den Status Quo bezeichnet, und eine Regulierung fordert – laut Tagesthemen vom 07.03.13 bzw. ARD-Deutschlandtrend sind es 89%. Warum aber empfinden so viele Menschen diesen als ungerecht oder gar unmoralisch?

Offene Gegenstimmen gab es in den Tagen nach der Abstimmung nur wenige. Argumente für Sinn und Nutzen von Prämien und Gehältern in Millionenhöhe waren kaum zu hören. Interessant jedoch waren die unterschiedlichen Kontexte, in welche die verschiedenen Kommentatoren die Entlohnung von Managern setzten: Mal wurde der gewaltige Unterschied zwischen den Bezügen der besagten Spitzenverdienern und den Einkünften von Geringverdienern hervorgehoben. An anderer Stelle wurde innerhalb eines Unternehmens ein Vergleich zwischen Management und Mitarbeitern gezogen, der in DAX-Unternehmen durchschnittlich bei einem Verhältnis von 54:1 liegt – ein Manager verdient dort also im Mittel das 54fache des Einkommens seiner Untergebenen (Quelle: Tagesthemen 04.03.13).

Ein anderes Bild entsteht, wenn man die Gehälter von Managern mit dem vergleicht, was etwa Profi-Fußballer verdienen: Auch hier werden Millionenbeträge gezahlt, obwohl die Tätigkeit selbst, Fußball spielen, zunächst keinen unmittelbar einleuchtenden Gegenwert dazu bietet.
Ich führe einen weiteren, fiktiven Vergleich an, der vielleicht noch besser verdeutlicht, inwiefern der Kontext für die Bewertung entscheidend ist: Würde man sieben- oder achtstellige Boni an Wissenschaftlicher und Forscher zu zahlen, die ein Heilmittel gegen Krebs oder eine neue, umweltfreundliche Energiequelle entwickeln – würde die Mehrheit der Bevölkerung wohl mit der gleichen Empörung fordern, dass dem ein Ende gemacht wird?

Wohl kaum. Worin aber besteht der Unterschied oder besser: wovon genau hängt ab, wann wir bereit sind, eine so drastische Ungleichheit zu akzeptieren und wann nicht? Bei Spitzensportlern wie bei Musikern und anderen Künstlern dürfte wohl als Argument gelten, dass sie etwas leisten, wozu nur wenige in der Lage sind. Der Umstand, dass die Unternehmensspitze ungleich mehr verdient als die Basis wird gemeinhin mit dem Mehr an Verantwortung begründet und mit dem Nutzen, den ihr Tun für die Gesellschaft hat – so sind es, dieser Argumentation folgend, die Manager, die für Beschäftigung und Wachstum sorgen, was letztlich allen zugute kommt. Genau in diesem Punkt haben jedoch in den vergangenen Jahren Manager im Allgemeinen und insbesondere die Geldwirtschaft erheblich an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Im Zuge der Finanzkrise und ihrer Folgen ist der Eindruck entstanden, dass der Nutzen für die Allgemeinheit sich schnell in sein Gegenteil verkehrt und die Verantwortung ebenso rasch abgegeben wurde.
Vor diesem Hintergrund erscheint es in der Tat ungerecht, dass diese spezielle Minderheit ein Vielfaches von dem verdienen, womit die Mehrheit ihren Lebensunterhalt bestreiten muss: Eine solche Ungleichheit bedarf einer Begründung, eines Gegengewichts, das sie legitimiert. Im Falle des fiktiven Beispiels, bei den Forschern und Wissenschaftlern, die zugunsten aller Außergewöhnliches schaffen, wäre dieses Verhältnis in einer gewissen Balance und hätte eine Chance auf Akzeptanz.

Ungleichheit scheint also, zumindest im Bezug auf Gut und Geld, kein Problem an sich zu sein. Entscheidend ist vielmehr, ob gute und glaubwürdige Gründe für sie angeführt werden können und ob sie sich in einem konsensfähigen Verhältnis befindet. Wer aber entscheidet darüber, was noch angemessen ist, und was die Interessen und das Gerechtigkeitsempfinden der Allgemeinheit verletzt? In der Schweiz war es in der vergangenen Woche das Volk in direkter Abstimmung. In Deutschland ist es die gerade laufende, öffentliche Debatte, welche die gewählten Vertreter in Zugzwang bringt, zu entschieden: Wie viel Ungleichheit ist noch gerecht – und wie ist sie zu rechtfertigen?

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