An vielen Bauzäunen hängt ein Schild:
Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.
Niemand wird darüber lange nachsinnen müssen, denn die Botschaft ist so einleuchtend wie eindeutig: Da Kinder noch nicht die volle Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können, etwa weil sie die Folgen ihres Handelns noch nicht einschätzen oder diese nicht erst nehmen, tragen die Eltern die Verantwortung für sie.
Aber wer trägt die Verantwortung für die Eltern?
Juristisch betrachtet haften erwachsene Personen für sich selbst, weil ihnen zuzumuten ist, dass sie sich verantwortungsbewusst verhalten und die Konsequenzen ihres Handelns selbst tragen. Es ist also niemand sonst für sie verantwortlich.

Außerhalb der Gerichtssäle ist es erheblich schwieriger, eine Grenze zwischen Fremd- und Eigenverantwortung zu ziehen: Kinder neigen dazu, älter zu werden und mehr und mehr bewusst eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn der Gesetzgeber sie als Erwachsene anerkennt, bedeutet das allerdings noch nicht, dass ihre Eltern das gleiche tun. Das Gefühl der Verantwortung für den Nachwuchs war lange notwendig und hat oft Schaden abgewendet, es kann nicht über Nacht aus den Köpfen und Herzen verschwinden. Es entstehen Spannungen zwischen jungen Erwachsenen, die ernst genommen werden und ihre eigenen Fehler machen wollen, und den ungleich lebenserfahreneren und in ihrer Elternrolle gefangenen Erzeugern.
Juristisch wird wohl kein Elternteil zur Verantwortung gezogen, wenn ein erwachsenes Kind sich schuldig macht oder Schaden nimmt, aber die meisten Eltern werden sich verantwortlich fühlen oder zumindest rege Anteil nehmen.

Und nicht nur in der Familie, sondern auch unter Freunden würde man Gleichgültigkeit nicht zuerst als Respekt vor der Eigenverantwortung des Gegenübers auslegen, vielmehr werden Anteil- und Einflussnahme erwartet. Wer liebt, der sorgt. Und wer sich sorgt hat meist schon eine Meinung darüber, was das Beste für den anderen wäre. Auch hier geraten die Verantwortung für den geliebten Menschen und dessen Eigenverantwortung schnell in Konflikt: Man möchte helfen und der andere zeigt sich undankbar und den Lösungsvorschlägen für sein Problem gegenüber verschlossen. Man klagt einem vertrauten Menschen sein Leid und dieser drängt einem seine Entscheidungen und Ansichten auf, statt Mitgefühl zu zeigen und auf die eigene Kompetenz des Betroffenen zu vertrauen.

Letztlich tragen wir jedoch nicht nur Verantwortung für unsere Verwandten und Freunde, sondern auch für die andern Menschen in unserem Umfeld: Wer an einem Verletzten oder Verunfallten vorbeigeht ohne zu helfen, macht sich strafbar und wer es im Alltag prinzipiell an Hilfsbereitschaft und Höflichkeit mangeln lässt, wird bald den Ruf eines Egoisten bekommen. Andererseits kann eine höfliche Geste durchaus auch als Herabsetzung aufgefasst werden, vielleicht als Ausdruck der Auffassung, Frauen könnten keine Türen öffnen oder Menschen über sechzig keine fünf Minuten in der Straßenbahn stehen.

Offenbar ist der Grat recht schmal, der zwischen Teilnahmslosigkeit und der Entmündigung eines Mitmenschen entlang führt, und nicht immer ist er leicht zu erkennen. Unaufgefordert in die Bresche zu springen kann mitunter ebenso schlimm sein, wie jede Hilfe und Anteilnahme zu verweigern. In gewisser Weise haftet durchaus jeder für alle, nur sollte man sich vielleicht hin und wieder ins Gedächtnis rufen, dass man es zumeist nicht mit Schwerverletzten oder unmündigen Schutzbefohlenen zu tun hat, sondern mit erwachsenen Menschen, die selbst dann auf die Wahrung ihrer Würde bestehen, wenn sie sich hilflos oder kindisch gebärden.

2 Antworten auf „“

  1. Vielen Dank für diesen schönen Artikel!
    Hat mich sehr angesprochen und inspiriert, wie Du den oft schmalen Grad zwischen Fremd- und Eigenverantwortung (wie Du es nennst) aufzeigst. Besonders ansprechend finde ich den 2.Absatz, in dem Du das Problem des Verantwortungsgefühls Eltern ihren erwachsen gewordenen Kindern gegenüber darstellst. Hier zeigen sich die Spannungen einfach am deutlichsten. Aber auch unter Freunden und Partnern ist diese Problematik oft bemerkbar.

    Ich würde in diesem Zusammenhang allerdings nicht von Gleichgültigkeit als dem einen Pol sprechen, es geht hier in der Tat um ein komplexes Feld zwischenmenschlicher Töne und Nuancen zwischen „in die Presche springen und am liebsten aus gutem Willen und Verantwortungsgefühl gleich ganz für einen anderen entscheiden wollen“ und „durch die Akzeptanz des So-Seins, der Werte und Bewertungen und nicht zuletzt der Gefühle eines anderen zu zurückhaltend zu sein und dadurch auf ein ab und zu hilfreiches Augenöffnen zu verzichten“.

    Die juristische Seite ist schnell abgehandelt, große moralische Normen und Gesetze einfacher zu behandeln (jeder von uns denkt, dass man einen Verletzten NICHT liegen lassen soll, einem dem Gewalt angetan wird zur Hilfe eilen indem man mindestens die Polizei ruft…). Es gibt den Paragraphen der unterlassenen Hilfeleistung, wobei Verantwortung nicht mit Schuld gleichzusetzen ist, sondern juristisch bedeutet, Rechenschaft abzulegen für sein Handeln oder Nicht-Handeln. Auch wenn mir bewusst ist und ich durchaus bedauere, dass unterlassene Hilfeleistung leider oft geschieht, so liegt der interessantere Aspekt der Gedanken zum Thema, meiner Meinung nach, in der Schwierigkeit der Unterscheidung von Fremdverantwortung und Akzeptanz in nahen Beziehungen, sei es innerhalb der Familie, von Freunden oder Lebenspartnern.
    Ich wage zu behaupten, dass ein gewisses Verantwortungsgefühl in solchen Beziehungen meistens, oder sagen wir oft, besteht. Selbst Eltern, die beispielsweise sehr teilnahmslos an den Sorgen und Nöten ihrer Kinder zu sein scheinen, zeigen in irgendeiner Weise Verantwortung, sei es dass sie finanziell zur Unterstützung bereit sind oder sich in sehr harten Situationen plötzlich nicht mehr als teilnahmslos gebärden, vielleicht geben solche Eltern auch nur sehr früh (und als Gleichgültigkeit erscheint es wenn es zu früh für das Kind ist) die Verantwortung an ihre Kinder ab. Ab wann sind Kinder für ihre Eltern verantwortlich? Wie verantwortlich bin ich für die Taten meines Partners, inwiefern sollte ich mich in einer Freundschaft verantwortlich fühlen, auf welche Weise intervenieren? Die Frage ist: Was ist Verantwortung und wie definieren wir sie im Einzelnen?

    Verantwortung in einer Freundschaft, Familie oder Partnerschaft drückt sich nicht dadurch aus, dass man dem anderen sagen möchte, was gut für ihn ist. Bei Eltern erwachsender Kinder ist dies eher ein Zeichen für einen nicht erfolgten Ablösungsprozess bzw. die Nicht-Akzeptanz des Erwachsenseins des Kindes oder ein Nicht-Loslassen-Können. Ich denke auch nicht wirklich, dass sich erwachsene Menschen „kindisch“ gebärden. Das, was Du meinst ist ja oft ein Zeichen für etwas anderes, nicht zuletzt für Hilferufe, die manchmal die Verantwortung des Freundes fordern und manchmal ein Zeichen für Abwehr von Grenzüberschreitungen sind.

  2. Weiter im Text (Artikel war zu lang):

    „Und wer sich sorgt hat meist schon eine Meinung darüber, was das Beste für den anderen wäre“, schreibst Du. Und das ist ein Punkt, der auch meiner Meinung nach nicht mehr unter Verantwortung fällt. Natürlich kann man mit einem guten Freund reden, wenn man meint, dass er gerade etwas Unbedachtes tut. Aber immer in der Akzeptanz der Meinung desjenigen und immer mit dem Bewusstsein, die eigene Meinung eventuell, nach der Erläuterung der Gefühle des anderen, überdenken zu müssen. Im Übrigen würde ich das im weiten Feld von wohlwollendem Interesse bis übergriffiger Einmischung verbuchen. Verantwortung würde man tragen wenn der Freund/ Familienmitglied/ Partner sich in einer schlimmen/ schwierigen Situation befindet und man, egal ob der jenige selbst Schuld daran hat, DANN helfend zur Seite steht. Diese Unterscheidung würde ich machen.

    Denn Verantwortung bedeutet ja, die Folgen für eigene oder fremde Handlungen zu tragen. Verantwortung ist im politischen Sinne Mitverantwortung, z.B. für kranke oder stigmatisierte Menschen. Und Verantwortung bewegt sich in einem Zustand der Kontingenz: Wir sind bereit, Verantwortung für jemanden oder etwas zu übernehmen, ohne die Folgen und Entwicklungen absehen zu können. Wir sind bei Kindern noch in gewissem Maße dafür verantwortlich, ihnen positive Entwicklungsbedingungen zu schaffen, aber später oder in einer Freundschaft/ Partnerschaft übernehmen wir Verantwortung in dem Sinne, dass wir den anderen gerade nicht verändern wollen, sondern egal was komme Verantwortung im Sinne von Partnerschaft, Freundschaft oder Verwandtschaft haben. Indem wir den anderen gerade nicht entmündigen sondern verantwortungsvoll handeln, das heißt: in Verantwortung für den anderen und nicht unserer eigenen Vorstellungen zuliebe. Nur wenn wir dies tun, wahren wir die Würde des Anderen, nur dann nehmen wir unser Gegenüber ernst und unsere Verantwortung wahr.

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