Mythos der Philosophie: Prometheus

»Die Sage«, so Kafka, »versucht das Unerklärliche zu erklären«.
Sagen oder Mythen sind also Geschichten, die eine Antwort auf diejenigen Fragen und Rätsel geben, die wir anders nicht lösen können. Eine recht zentrale Frage dieser Art ist die nach dem Ursprung und der Natur des Menschen: Woher kommen wir und wieso sind wir, wie wir sind?
Aufgeklärte, moderne Menschen, die wir sind, werden wir nun an Darwin und die Evolution denken, doch ist damit wirklich alles erklärt? Ist der Mensch nichts weiter als ein hochentwickelter Affe? Oder liegt das Wesen des Menschen, das, was ihn letztlich ausmacht, nicht irgendwo jenseits einer wissenschaftlichen Beschreibung seines Stammbaums?

Die meisten Kulturkreise verfügen über Mythen, die erzählen, wie der Mensch erschaffen wurde, warum er nicht wie ein Tier schlichtweg Teil der Natur ist und in seiner eigenen, besonderen Weise von sich und der Welt weiß. In der abendländischen Ideengeschichte ist der zentrale Mythos sicherlich der christliche. Älter ist jedoch eine Erzählung aus dem antiken Griechenland, die der christlichen Schöpfungsgeschichte vorausging: der Mythos des Prometheus.

Die christliche Schöpfungsgeschichte steht im ersten Buch der Bibel. Der Prometheus-Mythos hingegen wurde von verschiedenen Autoren zu verschiedenen Zeiten festgehalten. Keine Beschreibung ist umfassend und endgültig. Manche unterscheiden sich stark voneinander, manche nur in Details. Hesiod, Aischylos, Platon, Ovid und Lukian berichten von ihm, doch erzählen auch später noch und bis heute immer wieder Autoren in variierenden Interpretationen seine Geschichte.

Trotz des breiten Spektrums der Auslegungen lassen sich einige Elemente des Mythos unterscheiden, die sein Wesen ausmachen. Zunächst wird er als Schöpfer der Menschen beschrieben, der sie aus Lehm formte und das Feuer aus dem Himmel stahl, um sie zu beseelen. Später betrog er Zeus zugunsten der Menschen und wurde zu Strafe an den Kaukasus gebunden, wo ein Adler immer wieder seine stets nachwachsende Leber fraß. Prometheus erscheint also nicht nur als der Schöpfer der Menschen, sondern auch als ihr Wohltäter, der für sie ein grausames Martyrium in Kauf nahm.
Goethe beschrieb ihn in seinem Prometheus-Hymnus als das Urbild des Rebellen, der gegen den Göttervater aufbegehrt, um den Menschen zu einem freien und selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Schelling vertieft diesen Gedanken, indem er darauf verweist, dass sich im Prometheus-Mythos das Doppelwesen des Menschen abzeichnet: Mit der Schöpfung ist der Mensch noch nicht Mensch: Es bedarf des Sündenfalls, des Heraustretens aus der natürlichen und göttlichen Ordnung, damit der Mensch zum Menschen wird. Prometheus ist also nicht zuletzt als das Prinzip zu verstehen, das den Menschen ausmacht: den Geist. Das Feuer, das er den Menschen brachte und den Göttern stahl ist der himmlische Funken der Vernunft, an dem sich die Flamme des Selbstbewusstseins, des Verstandes und der Suche nach Weisheit, kurz: der Philosophie entzündet.

Der Prometheus-Mythos gibt eine Antwort auf die Frage nach dem Menschen. Damit endet das Fragen selbst jedoch nicht. »Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären«, schrieb Kafka. Und weiter: »da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muss sie wieder im Unerklärlichen enden.« Der Mensch versucht mit dem Mythos eine Leerstelle zu füllen, die sich einer eindeutigen Erklärung entzieht. So lange aber das Unerklärliche unerklärlich bleibt, solange der Mensch seine Natur nicht abschließend verstanden hat, bleibt der Mythos was er ist: Eine Geschichte, die wir brauchen, um zu ertragen, dass wir auf die wesentlichen Fragen noch immer keine Antwort wissen.

Zitiert nach: Franz Kafka: Beim Bau der chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlass. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2004. S. 192

2 Antworten auf „Mythos der Philosophie: Prometheus“

  1. Es ist viel einfacher und dadurch erst recht kompliziert, für jeden, der innerhalb des Tellerrandes oder unter Radfahrerhelmen dressiert ist zu denken (was ja erlaubt ist, bitte schön, wir sind frei):
    Der Mensch hat all diese Mythen immer wieder über sich und sein Wesen geschaffen, weil er bei seiner Schöpfung höchstpersönlich dabei war. Durch die Verwandlungen, die ihn sein Geschöpfsein kosteten, hat er seinen Urheberstatus vergessen und schanzt ihn anderen Wesenheiten oder dem Urknall zu.

  2. Gerade das finde ich so spannend daran: Wir erfinden Geschichten, die eine Wahrheit über uns selbst enthalten, erzählen also gewissermaßen uns selbst und unsere Welt. In diesen Mythen sind es zumeist Götter oder Titanen, die uns erschaffen haben, nach ihrem Bilde womöglich. Es ist ein Kreis, der von uns ausgeht und wieder zu uns zurückführt.

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